Armee und Kirche

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Armee und Kirche

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Beitragvon Eddy » Sonntag 16. Dezember 2018, 14:00

Hallo Seemänner,
da ich zurzeit wieder einmal historische Recherchen über Dranskes Geschichte mache und dabei bin, das Heft 3 aus der Schriftenreihe des Heimatvereins Dranske mit dem Titel "Die Wittower Kirchen und die Kirchgemeinde Dranske" zu vollenden, kam mir der Gedanke der Überschrift des Themas. Das Heft wurde bereits bis 2014 von einem Mitglied unseres Vereins erarbeitet und leider durch den Tod der Schreiberin nicht vollendet. Vollendet ist aber in diesem Fall etwas falsch ausgedrückt, es wurde von mir mit Hilfe von kirchlichen Einrichtungen und Personen abgeschlossen. Es gäbe sicher noch viel zu diesem Thema "Kirchgemeinde Dranske" zu schreiben aber vorerst ist einmal damit Schluss und das Heft wurde in kleiner Auflage gedruckt und müsste morgen bei mir eintreffen.
Übrigens ist unser @Kennedy eine der Personen, die mich sehr gut beraten und unterstützt haben. Hartmut an dieser Stelle auch öffentlich mein herzlicher Dank an Dich.
Da ich, wie Ihr wisst, mich eigentlich aus der Kirche 1969,mit meinem Studienbeginn an der OHS der Volksmarine, verabschiedet habe, war es nicht so leicht sich in das Thema hinein zu denken. Aber als ich das Ganze von der Entwicklung her in Dranske erfasst hatte, habe ich "Blut" geleckt, wie man so sagt. Ich ging zu unserer Pastorin i.R. und bat sie um fachliche Hinweise und Unterstützung. @Kennedy hatte mich schon vorher per Email-Kontakt mit seiner "Dransker Geschichte" vertraut gemacht und auch genehmigt, dass ich das Material verwenden darf.
Vielleicht noch kurz zum Verständnis, Dranske gehörte seit dem 15. Jahrhundert zum Kirchspiel Wiek und das eigentlich bis zur Gegenwart. Aber nach 1945, als sich der Ort mit Flüchtlingen aus den Ostgebieten füllte, wurde eine zweite Pfarrstelle für Dranske geschaffen. In den verschiedensten Räumlichkeiten fanden die Gottesdienste statt, bis hin, dass der Gemeinderat 1957 wegen angeblicher Hetzte des Pfarrers gegen den Staat DDR, keinen Raum mehr zur Verfügung stellte. Der damalige Pfarrer nutzte nun die eigene Wohnung für seine Aufgaben mit den Mitgliedern der Kirchgemeinde und stellte über das kirchliche Bauamt Greifswald den Antrag zum Bau einer Kapelle in Dranske. 1959 begann man mit dem Bau am Ortseingang, boddenseitig und am 04.12.1960 war die Einweihung der St.-Paulus-Kapelle in Dranske. 1966 erfolgte durch Spenden die Errichtung eines Glockenturms mit einer vom Glockenbauer Schilling (Apolda) gegossenen Glocke mit der Inschrift "Eine feste Bvrg ist vnser Gott". Zur Freunde unserer Matrosen und Maate, die nach dem Kneipenbesuch im "Pavillon" oder "Boddenblick" immer die Glocke läuteten. Den Anwohnern war das überhaupt nicht recht.
Im Rahmen dieser Recherchen und der Schreiberei dazu, habe ich von unserer Pastorin i.R. ein evangelisches Gesangs- und Gebetbuch für Soldaten", Ausgabe 1977, geschenkt bekommen. Sie war ja ab 03.10.1990 auf Bitte von Kapitän zur See Kubalek von Übernahmekommando der Bundesmarine, für die Militärseelsorge bis 1991 auf dem Bug verantwortlich. In diesem Büchlein, denn es ist nur in Größe A 6 und passt in jede Hosentasche, fand ich ein Gebet der Bundeswehr und das möchte ich Euch mal zum Lesen einstellen. Dazu ein Gebet eines Pfarrers von 1882.

Gebet Bundeswehr

Herr, wir danken dir für den Frieden, den du durch Jesus Christus zwischen dir und uns gestiftet hast. Du willst. Dass auch auf unserer Erde Frieden sei, Frieden zwischen den Völkern und den Menschen. Herr, immer noch werden Kriege geführt und Machblöcke stehen einander hochgerüstet gegenüber. Wir Soldaten in unserem Lande kennen das Risiko unseres Tuns.

Nun bitten wir dich, Herr:
Gib, dass wir nicht resignieren und nicht hinnehmen, was Menschen aus deiner Welt gemacht haben. Lass uns tätig werden für den Frieden auf Erden und gib, dass jeder an seiner Stelle das Notwendige und Mögliche tut.
Wir verstehen unseren Dienst in der Bundeswehr als einen Beitrag für die Sicherung des Friedens. Deswegen bitten wir dich, Herr:
Lass es nie dazu kommen, dass wir in einem Ernstfall das tun müssen, wozu wir jetzt ausgebildet werden. Bewahre uns und alle Soldaten, die mit uns oder gegen uns unter Waffen stehen, vor Blutvergießen. Gib uns Vorgesetzte, die aus der Verantwortung vor dir befehlen und handeln, und ermutige uns zu gewissenhaftem Gehorsam. Überwinde in allen Armeen den Hass des einen gegen den anderen, und lass uns auch im Soldaten des anderen Blocks den Menschen sehen.
Gib unseren Politikern Weisheit, Geschick und Geduld, dass sie uns Soldaten nicht missbrauchen, sondern dass die militärische Macht in ihren Händen dazu dient, den Frieden fester zu machen.
Schaffe Bereitschaft zu Gesprächen, Verhandlungen und Versöhnung.

Herr, schenke uns allen Tapferkeit des Herzens, klare Gedanken, nüchternes Tun, Liebe zum Menschen und Willen zum Frieden. Und ziehe uns täglich hinein in deinen Frieden, den du uns durch Jesus Christus bereitet hast. Amen
(ev. Gesangs- und Gebetbuch für Soldaten, 1977)


Gebet eines Pfarrers, 1882
Herr, setze dem Überfluss Grenzen und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Lasse die Leute kein falsches Geld machen und auch das Geld keine falschen Leute.
Nimm den Ehefrauen das letzte Wort und erinnere die Männer an ihr erstes.
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit und der Wahrheit mehr Freunde.
Bessere Beamte, Geschäfts- und Arbeitsleute, die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.
Gib den Regierenden ein gutes Deutsch und den Deutschen eine gute Regierung.
Und sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen – aber nicht sofort. Amen


Ich finde beide Gebete sehr interessant mit eigentlich viel Inhalt. Nur bei der Umsetzung hat es wohl in beiden Fällen Probleme gegeben.
Schönen 3. Advent
Eddy
"Tradition pflegen heißt nicht Asche aufbewahren sondern eine Flamme am Leben erhalten!"

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Re: Armee und Kirche

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Beitragvon Kennedy » Sonntag 16. Dezember 2018, 18:28

Vielen Dank, lieber Eddy, das Thema interessiert mich schon lange, gern habe ich Dir geholfen und Dein Dank beschämt mich.
Diese beiden Gebete haben meine Zustimmung. Leider gab es auch in der Militärseelsorge solche und solche und manche haben leider das Eiapopeia vom Himmel zu den blutigen Waffengängen gesungen. Es gab die anderen, die mit den Soldaten alles Elend geteilt haben und zum Tröster wurden, wo keine Hoffnung mehr war. 6 Wochen nach meiner Geburt war mein Vater gefallen (Soldat seit Anfang 1940) und wir hatten noch lange einen Brief seines Divisionspfarrers an meine Mutter, in dem er kondolierte. Mein Vater, nicht besonders kirchlich geprägt, also volkskirchlich, war am 24.12.1944 in einer Feuerpause noch zu einem Feldgottesdienst, drei Tage später ist er gefallen. Dass er am Gottesdienst teilgenommen und auch das (heilige) Abendmahl empfangen hat, war uns als Familie ein Trost. 1990 traf sich abschließend und damit letztmalig der Traditionsverband seiner Division, den ich einmal kontaktiert hatte. Da der besagte Divisionspfarrer nicht mehr reisefähig war, hatte man mich um den Predigtdienst gebeten; rund 1000 Überlebende waren anwesend. Mit mir amtierte ein ehemaliger Kompanietruppführer, der dann katholischer Pfarrer geworden war. Als Polizeipfarrer hatte er im Zusammenhang mit der Entführung eines der ALDI-Brüder das Lösegeld überbracht.
Die beiden Pfarrer der Division haben sich -nach meiner Kenntnis- der religiösen Begleitmusik zu vermeidbaren Kriegen versagt,
so wie andere und ich auch nicht bereit waren und nicht bereit sind, die religiöse Begleitmusik zur Marktwirtschaft zu spielen. Grundsätzlich halte ich die richtige Militärseelsorge für sinnvoll. Nach der staatlichen Vereinigung haben ja die Kirchen des ehemaligen Bundes evangelischer Kirchen in der DDR nicht das westdeutsche Modell der Militärseelsorge übernommen, sondern hatten ihr eigenes Modell. Nach einigen Jahren war es damit vorbei, das westdeutsche Modell war zu übernehmen. Mit Gründung der NVA hat sich die EKD (Ost) an das Ministerium für Nationale Verteidigung der DDR gewandt und Militärseelsorge angeboten, was leider nicht gewollt war. NVA-Angehörige mussten im Rahmen ihrer Möglichkeiten dann die jeweils örtlichen Kirchengemeinden aufsuchen.
Über meine positiven Erfahrungen in der Raketenschnellbootsbrigade hatte ich mich ja bereits in verschiedener Weise geäußert. In Dranske selbst, ist meinem lieben Freund und Konfirmator Pfarrer Heinz Milkereit seitens der zivlien Behörden - incl. SED - Leitungen - das Leben sehr schwer gemacht worden,aber der Ostpreuße aus Tilsit, der als 15 jähriger ein Gespann von dort bis ins heutige MVP führen musste, hat auch das überstanden. Vor einigen Jahren habe ich ihn in Prenzlau beerdigt. Soviel in Kürze. Interessantes Thema und Eddy noch einmal vielen Dank dafür, dass er eine neue Diskussion angestoßen hat. Vizeadmiral Born, letzter Chef unserer Volksmarine, geht in seinem Buch auch biographisch auf das Thema ein.
Adventsgrüße an alle
Kennedy
Zuletzt geändert von Kennedy am Donnerstag 20. Dezember 2018, 22:00, insgesamt 1-mal geändert.



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Re: Armee und Kirche

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Beitragvon Kennedy » Donnerstag 20. Dezember 2018, 21:32

Hier mal noch zwei Episoden aus meinen Erinnerungen:
Im August 1967 bin ich immatrikuliert worden, wobei es bereits das erste Problem gab: Laut Förderungsbstimmungen für entlassene Soldaten auf Zeit und Berufssoldaten hatte ich einen Anspruch auf ein monatliches Zusatzstipendium in Höhe von 50.-Mark der DDR.
Das wollte mir die Stipendienstelle verweigern, da man meinte, ich hätte nicht ganz 3 Jahre gedient. Auf der Entlassungsurkunde stand 3.5.1963-28.4.1966. Die wollten nicht glauben, dass die Termine vom Minister für Verteidigung festgelegt worden sind. Daraufhin habe ich das Wehrkreiskommando aufgesucht, Kreuz auf der Weltkugel an der Jacke. Irritationen und giftige Blicke auf dem WKK waren mir sicher. Man fragte nach meinem Anliegen. Ich erklärte die Probleme mit meiner Dienstzeit. Der Sachbearbeiter frage nach diesen Zeiten. Ich klärte ihn auf und sagte“ 1963-1966 bei der Volksmarine, seefahrendes Personal“. Da stutzte der Mann, schaute auf das Kreuz und fragte ungläubig, ob ich denn Soldat auf Zeit gewesen wäre. Als ich das bejahte, passierte etwas, was ich nicht vergessen werde. Er sagte plötzlich „Denen werde ich es zeigen, Genosse!“, nahm eine Reiseschreibmaschine und hämmerte in die Tasten. Mit der Bescheinigung ging ich wieder zur Stipendienstelle und fortan wurden mir fünf Jahre lang monatlich 50 Mark DDR zusätzlich bezahlt. Gemeinsam mit 21 anderen Studierenden konnte ich also das Studium aufnehmen.

In einem staatlichen Archiv befinden sich Dokumente über einen Vorfall mit einem Soldaten in Hennigsdorf. Hier in Kürze: Während meiner Abwesenheit kam ein Soldat zum Pfarrhaus und klingelte. In unserer Wohnung war nur ein betagtes weibliches Mitglied der Familie (Jg. 1900), das auch schwer hörte. Die Dame hat den Schlüssel am Brett nicht ausfindig gemacht, ging aber zu einem der Wohnzimmerfenster und fragte nach dem Anliegen des Soldaten, der wohl einen sehr niedergeschlagenen Eindruck gemacht haben soll. Er wollte zum Pfarrer. Die Dame erklärte ihm , dass sie nicht öffnen könne, lud ihn aber ein, durch das Fenster in die Wohnung zu steigen (war problemlos möglich) und zu warten. Das tat der Mann dann auch. Nicht lange danach klopften zwei Volkspolizisten an die Scheibe. Sie öffnete das Fenster und da fragten diese, ob eben hier eingebrochen worden wäre. Die Frau verneinte das und erklärte, dass mit ihrer Genehmigung eingestiegen worden wäre, der Mann warte auf den Pfarrer. Die Polizisten gingen und nicht lange danach erschien der KOMMANDANTENDIENST (KD), also die Militärstreife, und alles wiederholte sich. Ein Offizier forderte den Soldaten zum Rauskommen auf, andernfalls würde ihn die Volkspolizei aus der Wohnung holen. Der Soldat ging und wurde mitgenommen. Nach meiner Rückkehr habe erfolglos die VP angerufen. Habe sofort eine Meldung an das Konsistorium geschrieben , habe das auch im nächsten Gottesdienst offiziell abgekündigt. Alsbald habe ich an das Ministerium für Nationale Verteidigung in Strausberg geschrieben und Aufklärung verlangt, andernfalls ich beim zuständigen Militärstaatsanwalt Anzeige gegen unbekannt wegen Verletzung der Verfassung der DDR erstatten würde (Verhinderung von Seelsorge, Art. 39. (1) Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht, sich zu einem religiösen Glauben zu bekennen und religiöse Handlungen auszuüben.) Bald kam ein kurzes Schreiben von der Unterabteilung Eingaben des Ministeriums. Darin wurde mitgeteilt, der NVA-Angehörige wäre über die "Unzweckmäßigkeit seines Verhaltens (Fenstereinstieg) belehrt worden", weitere disziplinarische Maßnahmen wären nicht eingeleitet worden, man betrachte die Angelegenheit als erledigt an. Angestellte Recherchen meinerseits nach der Wende blieben erfolglos. Habe leider nie den Namen des Mannes erfahren.



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Re: Armee und Kirche

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Beitragvon Eddy » Samstag 22. Dezember 2018, 17:43

Die Kirche und ich. Ich hole mal etwas weiter aus, schließlich muss ich über fast 69 Jahre nachdenken.
Mein Heimatdorf liegt am Ende des Striegistals, kurz bevor die Striegis in die Mulde fließt. In diesem Dorf gab es direkt in der Mitte eine Kartonfabrik Reinelt, 1912 gegründet und sehr erfolgreich im Export von Wickelkarton. Fast parallel zu Fluss schlängelten sich Straße und Eisenbahnlinie durch den Ort. Links und rechts waren / sind Berge in der Größenordnung wie sie in Sachsen üblich sind. Ich wohnte mit meinen Eltern im "Arbeiterviertel", also direkt in der Fabrik. Das Dorf hatte 13 Bauernhöfe, einen Gasthof, einen Schuster, einen Bäcker, einen Konsum, eine Post, eine Gärtnerei und eine Schule, die etwas außerhalb lag. In der Fabrik arbeiteten natürlich auch viele Menschen aus den umliegenden Dörfern und Städten. Regelmäßig verkehrten Personen- und Güterzüge auf der Strecke Hainichen-Roßwein und damit auch in unserem Dorf.
Ich glaube mein erster Kirchgang war meine Taufe, die traditionell damals noch durchgeführt wurde. In der Schule hatten wir kein Fach Religion aber ich besuchte die Christenlehre, die bei einem Bauern auf dem Hof durchgeführt wurde. So kam es, dass ich in den Jahren 1963-1965 zu Weihnachten in der Kirche beim Krippenspiel den König Herodes spielte. Mir gefiel das überhaupt nicht aber der Pfarrer bestand auf meiner tragenden Stimme, die einem König ausmachte. Der Gemeinde gefiel der König auch. Ein Jahr nach der Jugendweihe, 1965 erhielt ich meine Konfirmation. Danach war mein Kontakt zur Kirche nur noch optisch und ich grüßte alle älteren Bürger der Gemeinde höflich. In der Lehre mit Abitur wurde ich im letzten Lehrjahr durch unsere Staatsbürgerkundelehrerin als Kandidat der SED "gewonnen". Alle wussten, dass ich Berufssoldat werden wollte und das war der ausschlaggebende Grund. Mit Studienbeginn in Stralsund erfolgte dann auch der offizielle Austritt aus der Kirche.
Während des größten Teils meiner Dienstzeit hatte ich nie mit Problemen zu tun, die mit der Kirche in Verbindung standen. Erst 1985, als unsere neue Pastorin in Dranske ihren Dienst antrat und ihr Sohn in die Klasse meiner Tochter einstieg, wurde es anders. Ich war seit 1980 mit Einschulung meiner Tochter Elternaktivvorsitzender und blieb es bis 1990, ihres Schulabschlusses. Aber da war Frau Pastorin und sie strebte 1986 zur Neuwahl des Elternaktives unbedingt danach, Mitglied im Elternaktiv zu werden. Das war komischer Weise auch in der Politabteilung der Flottille bekannt und ich erhielt genaue Instruktionen, die Wahl zu verhindern. Naja, Demokratie ist zwar nicht schlecht aber was sollte ich den Eltern bei der Neuwahl sagen. Die Vorabsprache mit der Klassenlehrerin war erfolgt, die bewährten Mitglieder waren wieder bereit und so ging es zur Wahl. Da passierte es, Frau Pastor trat redegewandt auf und erklärte ihre volle Unterstützung für die Klasse und für das Aktiv. Es kam wie es kommen musste und die Frau Pastor wurde gewählt. Schon am nächsten Tag wurde ich zum Leiter der Politabteilung der Flottille befohlen, immerhin der 1. Kreissekretär der SED in der Flottille. Es gab ein Donnerwetter, wie es Gott auch nicht besser gekonnt hätte. Als ich versuchte den Wahlhergang zu erklären wurde mir einfach das Wort abgeschnitten und ich musste mir sagen lassen, dass ich den Auftrag der Partei nicht erfüllt hatte. Damit durfte ich wegtreten. Geändert hat sich am Wahlergebnis aber auch nichts. So hatte ich Frau Pastor in meinem Aktiv und ich muss sagen, sie war sehr aktiv und hat sehr kreativ mitgearbeitet. An mir lag es aber, ob ihre Vorschläge angenommen wurden oder nicht. Als sie das Elternaktiv zu einer Sitzung sogar nach Hause einlud und wir auch darauf eingingen, war ich kurz vor dem Parteiausschluss. Aber was für ein Wunder, als so im Kreise meiner Mitkämpfer mal erzählte wie Frau Pastor über Gorbatschow und seine Reformen sprach, welche Hochachtung dieser Mann bei ihr genoss, wurde die "Friedenspfeife" ausgepackt und ich hatte meine Ruhe in der Dienststelle. Da ich bereits wie alle Politoffiziere und andere am 30.09.1990 aus dem aktiven Wehrdienst entlassen wurde, habe ich ihre Aktivitäten auf dem Bug nach dem 03.10.1990 nicht mehr erlebt. Erst jetzt, durch meine Recherchen zur Geschichte der Kirchgemeinde Dranske habe ich wieder direkten Kontakt zu ihr und sie ist genauso friedlich geworden wie ich. Wir können miteinander sprechen ohne irgend welche Verunglimpfungen auszusprechen.
Das war mein Leben mit und ohne der Kirche. Heute habe ich Achtung vor den Menschen, die ihrem Glauben nachgehen und bin selbst nach wie vor davon überzeugt, dass ich den Glauben an Gott nicht brauche. Die Gotteshäuser aber sind für mich, egal wo ich bin, immer ansehenswerte Baudenkmäler, die man sich ruhig ansehen kann. Auch da gibt es gewaltige Unterschiede, evangelisch, katholisch, orthodox usw.
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:ahoi: Eddy
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Re: Armee und Kirche

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Beitragvon Kennedy » Sonntag 23. Dezember 2018, 18:21

Dank, lieber Eddy, das ist alles sehr spannend. Berichte über meine Erfahrungen im zivilien Leben spare ich mir hier, aber noch eines, dass die Armee betrifft: Habe eine handschriftliche Notiz von mir gefunden, angefertigt nach einem Anruf von unserem Admiral Theo Hoffmann am 22.7.1996. Nach oder vor dem Beginn meines Studiums im Jahre 1967 hätte Admiral Waldemar Verner, Chef der Politischen Hauptverwaltung, an den Politstellvertreter der Brigade -unseren lieben, leider verstorbenen, Kamerad Manfred Bischoff- (damals noch Kapitänleutnant) geschrieben, in dem der aufgefordert worden war zu erklären, wieso ein ausgeschiedener Angehöriger der Raketenschnellbootsbrigade Theologie studieren wolle. Leider habe ich versäumt, bei unseren Treffen Manfred danach zu fragen. Die Freude über die Begegnungen war einfach zu groß.

Weihnachtsgrüße

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Re: Armee und Kirche

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Beitragvon gacki » Montag 18. Februar 2019, 19:15

Hier mal eine entsprechende Anekdote aus meiner Dienstzeit (oder Ausbildungszeit):

Während der Ausbildung in Parow (also Ende 85/Anfang 86) gab es natürlich auch die entsprechende Politausbildung. Das Thema einer Stunde war "der militärische Gegner" (ja, es wurde Wert darauf gelegt, vom "Gegner" und nicht vom "Feind" zu sprechen). Am Ende der Stunde meldete sich ein Matrose und sagte (sinngemäß), dass er Christ sei und er es mit seiner Weltanschauung nicht vereinbaren könne, andere Menschen pauschal als Gegner zu betrachten. Der Ausbilder entgegnete ihm dann (wieder sinngemäß), dass er (also der Matrose) ja ein erwachsener Mensch sei - und wenn seine Weltanschauung so wäre, dann würde er auch gar nicht erst versuchen, ihn umzustimmen.
Ich fand das (nach den Beobachtungen, die ich - nicht an meiner Person - im Komplex "Schule und Kirche" gemacht hatte) ziemlich souverän - oder vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass man sich bei der Armee im klaren darüber war, dass man sich die Längerdienenden halt nicht aussuchen konnte.



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Re: Armee und Kirche

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Beitragvon mechaniker » Montag 18. Februar 2019, 20:28

Jeder wird damit irgendwann mal in Verbindung gekommen sein -und natürlich sich Gedanken zum Umgang mit der Religion (Kirche) gemacht haben. Zuhause in unserer Familie war es die Oma, die es sehr gerne gesehen hätte wenn ich die Einsegnung bekommen würde. In der Christenlehre, an der ich noch erwartungsvoll teilnahm, wurde mein Interesse allerdings schwer gebremst. In einem Kinderbuch, sehr hübsch bebildert und mit Versen die Geschichten unterlegt, begeisterte mich ein Vers besonders. Diesen Vers habe ich unserem Pastor vorgetragen. Er war darüber so erbost, dass ich dafür eine Ohrfeige erhielt. Angeblich wäre es Gotteslästerei usw. Dieses 'schlagende Argument' genügte um zukünftig die Religion anders zu bewerten -mit Kindesverstand. Natürlich habe ich später eine andere Sichtweise zum Glauben und zur Religion angenommen. Eddy hat es schon sehr gut beschrieben,; ich sehe es ebenso und verhalte mich entsprechend.
Während meines GWD an der Grenze, hatte ich einen Soldaten in meiner Gruppe der offensichtlich ein gläubiger Mensch war. Bei Stubendurchgängen und anderweitigen Kontrollen lag fast schon demonstrativ seine Bibel (oder Gesangbuch) immer griffbereit. Zu keinem Zeitpunkt und von keinem Vorgesetzten oder Gleichgestellten gab es dazu irgendwelche Bemerkungen. Man muss dabei bedenken : tagtäglich hätte er in eine Situation kommen können, wo die Entscheidung zwischen gesetzeskonform oder Glauben zu fällen wäre. Zum Glück blieb ihm diese Entscheidung erspart.
Alles was ein Loch hat, muss nicht unbedingt kaputt sein.



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