Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

:steuermann: Hier ist der Platz für Anekdoten (Begebenheiten) aus der aktiven Zeit bei der VM, die nicht in Vergessenheit geraten sollten

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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon Dietrich Lücke » Freitag 10. April 2015, 08:58

„Maritimes Brauchtum in der Volksmarine“ und Reserveoffizierslehrgang in Seelingstädt 1977

Wo wir uns hier gerade so schön über maritimes Brauchtum unterhalten möchte ich euch eine Geschichte erzählen in der maritimes Brauchtum größte Bedeutung erlangte. Vorab müßt ihr aber wissen, dass wir in Tilzow in der RTA 16 zwar auch maritimes Brauchtum pflegten, wohl aber nicht so intensiv wie auf den Schiffen. Unsere Baracken wurden quasi als Wohnschiffe betrachtet und der UvD hatte Befehle, Essenzeiten usw. auszurufen und auch die Pfeifsignale auszuführen wie auf den Schiffen mit „Seite pfeifen“ und so. Manch einer hatte auch eine Bootsmanns-Maatenschnur geknotet, manch einer nicht. Das wurde alles nicht so eng gesehen. Ich selber hatte keine Schnur, weil wir KfZ-Park-Wachdienst hatten und da war so ein Teil untauglich. Allerdings interessierten mich die Knoten, weshalb ich mir die alle habe zeigen lassen und dann auch bis zur Perfektion geübt habe. Die kann ich heute noch alle „im Schlaf“. Soviel vorab.
Mit der Entlassung Ende April 1976 in Tilzow wurde ich wegen Reserveoffiziersanwärterschaft zum Maaten befördert. Im September 1976 begann dann das Studium an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (schicker Name nicht wahr!). Nach dem ersten Studienjahr hatten wir in der Sommerpause ein Ferienlagerpraktikum zu absolvieren. Das geschah im Ferienlager der NVA am Hölzernen See bei Groß Köris. Das war ein Lager der Superlative von dem aber durch Abriss nichts mehr zu finden ist. Dieses Lager bietet für unser Forum auch eine tolle Geschichte.
Dann kam Seelingstädt im September 1977. Von allen Hochschulen der DDR kamen solche ROA wie ich und Kommilitonen, die lediglich als Soldaten den Monat abrissen. Wir ROA bekamen einen Extrablock, d. h. einen Kasernenneubau von 6 ? Etagen. Jeder Flur wurde mit mehreren Spezialausbildungen belegt, entsprechend dem, was man bei der Truppe gemacht hatte. Auf „meinem“ Flur waren wir ca. 30 Kraftfahrer, die als mögliche Zugführer/Kompaniechefs für das Militärtransportwesen ausgebildet wurden. Dann lagen bei uns noch Funker und andere Nachrichtenleute. Das waren ca. 60 Mann. Außerdem waren separat auf einer kurzen Flurseite links vom Treppenaufgang einige wenige Stuben für Studenten, die drei Jahre als Offizier auf Zeit im Range eines Unterleutnant gedient hatten. Einige waren zum Leutnant bei der Entlassung befördert worden. Als wir dort einrückten war das wie bei der Einberufung – wir waren uns zunächst fremd. Das änderte sich aber schnell. Nachdem wir unsere Sachen auf den angewiesenen Zimmern abgelegt hatten, marschierten wir zur Kleiderkammer. Das war die erste negative Überraschung. Alle bekamen die Einheitsuniformen der Landstreitkräfte. Was hätte ich damals darum gegeben, wenn ich eine Marinefreizeitkluft und eine 2. Geige bekommen hätte. Nichts da – Ein-Strich-kein-Strich, eine Dienstuniform, Stiefel usw. mit Sachen, die ich nicht kannte. Dann ging es daran alles im Spind zu verstauen und die Zivilsachen abzulegen. Ich musste mich jetzt bei den Kameraden erst mal schlau machen. Die fassten sich erst an den Kopf: „Äh, haste denn schon alles vergessen?“, „Ach so, du kommst von der Marine. Und da habt ihr andere Klamotten gehabt?“. Komische Frage. Dann wurde ein Anzugsbefehl den Flur lang gebrüllt, den ich nicht verstand. Alle anderen wussten Bescheid und sausten in mir fremde Uniformstücke. Ich schaffte das auch, aber eben mit Zeitverzögerung. Dann hatte ich noch übersehen, dass ich ein Koppel gebraucht hätte … Das Ergebnis bestand darin, dass mich gleich ein Unterleutnant der OAZ wie einen dummen Jungen runterputzte. Dabei war dieser Unterleutnant Student wie ich. Nachdem ich mich von den ersten Verblüffungen erholt hatte und die Sprache wiederfand kam: „Genosse UNTERleutnant! Ich möchte sie darauf hinweisen, dass sie mich mit Genosse Maat anzusprechen haben und nicht mit Genosse Unteroffizier. Ich kann nichts dafür wenn die Kleiderkammer für Marineangehörige keine sachgerechte Bekleidung hat. Eure Anzugsordnung ist mir nicht geläufig!!!“ Dieser Wortwechsel war laut und intensiv geführt. Den Unterleutnant und Maschinenbaustudenten aus Magdeburg tangierte das aber herzlich wenig. Drei weitere Kameraden vom Flur aus der Funkertruppe kamen dann nach Dienstschluss zu mir, weil auch sie Marineangehörige waren und mit denselben Problemen zu kämpfen hatten. Wir wurden für den Monat ein gutes Kleeblatt; vier Mann Marine unter ca. 90 Mann Landstreitkräfte und Luftwaffe, aber wir wussten uns zu behaupten.
Die Ausbildung war meines Erachtens in Ordnung. Als Lehrer hatten wir einen Major und einen Oberstleutnant. Sie bestritten den Unterricht für KfZ-Offiziere in Taktik, Verhalten im Straßenverkehr, im Gelände, Methoden der Beladung … usw. usf. … . Aber auch da ging es immerzu „Genosse Unteroffizier … [machen Sie dies, machen Sie das] … “. Nach ner Weile: „Haben der Genosse Maat schon wieder eigene Ideen? – Merken Sie sich endlich, dass sie zu tun haben, was man ihnen sagt !!!“. Das kam aber nicht von den erstgenannten Lehrern, sondern von dem bewussten Unterleutnant. Also kurz und gut – die Sache spitzte sich zu, weil ich es von unserer Transportkompanie, besonders von Fähnrich Czarnetzki und Oberleutnant/Kapitänleutnant Langhammer nicht gewöhnt war so behandelt zu werden. Beide wollten die Umsetzung ihrer Befehle, schätzten dabei aber auch die Kreativität des Ausführenden. Sie hatten immer ein offenes Ohr für Vorschläge. Bei diesen Landstreitkräftlern war das aber nicht so. Das Ergebnis war, dass wir Mariners müde belächelt wurden weil wir Spinner waren, keine richtigen Soldaten … Den Nachrichtenleuten ging das ebenso wie mir. Auch deren zwei Zugführer Unterleutnant benahmen sich ebenso wie meiner. Meine Studentenkumpel auf der Bude beschwichtigten mich. „Laß den Dussel quatschen! In einem Monat ist das hier gegessen.“ Und die Jungs von Otto von Guericke in Magdeburg meinten: „Den Typen kennen wir. Nach diesem Monat hat der in Magdeburg nichts mehr zu lachen. Fachlich hat der außerdem nichts drauf.“
Nun gehörte auch Praxisausbildung zum Lehrprogramm. Wir Kraftfahrer mussten alle eine weitere Typenprüfung ablegen. Das war kein Kunststück. Das haben alle unproblematisch geschafft. Nach einer Woche wurden wir ins Gelände gebracht wo ein URAL, ein W 50 LA/A und ein LO 1800 an einer Geländebahn bereit standen. Die meisten der Kameraden hatten während des Armeedienstes LO 1800 und W 50 gefahren und sollten jetzt den URAL fahren lernen. Es gab auch einige, die den URAL gefahren waren. Aber nein – der Unterleutnant befahl im Beisein des Lehr-Major nach seiner Ansprache, dass die berittene Gebirgsmarine den richtigen Soldaten mal zeigt, wie man einen URAL im Gelände fährt. Der Genosse Maat müsste das ja können, weil er eine URAL-Zulassung in seinen Papieren hat. Der Genosse Unterleutnant wird aber sicherheitshalber mitfahren, falls das Schiff keinen Kompass hat und der Genosse Maat nicht nach Hause findet. Angst oder Nervenflattern hatte ich nicht – nur eine unbändige Wut im Bauch über diesen Schnösel. Und diese Wut entwickelte ein entsprechendes Fahrverhalten auf der Geländebahn. Ich habe den schweren LKW über die Bahn geprügelt, die Hindernisse und Wendekreise und –buchten in eins und ohne anzuecken durchgezogen und möglicherweise einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf der Bahn aufgestellt. Abschluß war Vollbremsung aus voller Fahrt vor der Truppe. Der Genosse Unterleutnant aus Magdeburg war nach der Tour etwas fahl im Gesicht. Dem Genossen Major meldete ich die Auftragserfüllung ohne Kommentar. Nach der Fahrt wurde ich von ihm bis zum Lehrgangsende anständig, fast als Kamerad „auf Augenhöhe“ behandelt. Das war mir jetzt aber egal. Als ich ihn dann beim Pistolenschießen auch noch um Längen schlug, brach wohl das Weltbild des Genossen Unterleutnant zusammen. Bei den Kraftfahrern war damit der Stress vorbei.
Das war aber nicht so bei den Nachrichtenleuten. Da gab es immer noch tägliche Sticheleien aus der vorgesetzten Ebene der studentischen Unterleutnante. Bei einem Ausgang Mitte zweiter Woche saßen wir vier zusammen und überlegten beim Bier, wie man „denen da“ mal so richtig eins auswischen kann. Irgendwann kamen wir auf die Idee mal alles „marinemäßig“ zu machen. Und hier kommt die „Tradition“ ins Spiel. Zwei – drei Tage später standen zwei der Maate von den Nachrichtenleuten gemeinsam als UvD und GUvD. Wir haben beim Bier beschlossen mal alles päpstlicher als der Papst auf Tradition durchzuziehen. Eine Bootsmannspfeife hatten wir alle dabei. Eine Bootsmanns-Maatenschnur hatte keiner von den dreien mit (ich selber hatte ja keine). Woher nehmen wir jetzt die Schnur? Im Objekt gab es einen Tante-Emma-Laden der MHO und in dem gab es Wäscheleinen – patentgeschlagene Schnur ohne Kunstfasern. Die Verkäuferin staunte nicht schlecht was ich mit so viel Wäscheleine wollte. Die habe ich am Nachmittag des Tages bekommen, an dem bewusster Dienst 18.00 Uhr begann. Da 18.00 Uhr schon Abendessen Geschichte war und sich auch kein Offizier im Flur, pardon Schiff, blicken ließ, verlief der Abend noch friedlich. In meiner Bude begann dann die Akkordarbeit an der Schnur. Mit dem dritten Kumpel habe ich immer abwechselnd die Schnur geknüpft. Diamantknoten – Großer Hohenzoller – Diamantknoten usw. usf. Die Kumpel auf der Bude staunten nicht schlecht, was wir beide im D-Zug-Tempo da produzierten. Gegen 22.00 Uhr war das Prachtstück fertig und der UvD wurde damit ausgerüstet. Das Teil hing von der Schulterklappe bis auf die Mitte Oberschenkel, lief zurück bis zum Koppel, wo die Signalpfeife eingeflochten war und lief dann bis Mitte Unterschenkel aus. Am nächsten Morgen begann das Spektakel. 6.00 Uhr Wecken mit Pfeifsignal und „Erhebet eure müden Leiber, die Pier steht voller nackter Weiber! Reise, Reise …“. Die beiden UvD-Maate beherrschten die ganze Klaviatur der gepfiffenen Signale. Es kam wie es kommen musste – wir lösten gewollt Chaos aus. Trotzdem haben alle Kameraden super mitgemacht, weil auch denen das Gehabe der „Genossen Unterleutnante“ auf den Senkel ging. Als dann die Kommandeursebene zur Kontrolle erschien wurde ordentlich Seite gepfiffen. Ich will nun nicht alles in Einzelheiten ausbreiten. Wir hatten unser Ziel erreicht, als wir zu einer „Aussprache“ mit dem Lehrgangsleiter zitiert wurden. Dort haben wir unseren Unmut über die Behandlung von uns Marineangehörigen durch junge Offiziere der Landstreitkräfte und deren Arroganz uns gegenüber klar zum Ausdruck gebracht und dass wir in unserer Dienstzeit eine andere Behandlung gewöhnt waren (meistens jedenfalls). Es wurde letztlich wirklich eine Aussprache und der Kommandeur muss sich die Unterleutnante zur Brust genommen haben. Wir hatten von Stund an Ruhe. Wozu Tradition doch so alles gut sein kann.
Gruß, Dieter



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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon Torpedomechaniker » Freitag 10. April 2015, 09:52

:ahoi: Dietrich
war ein spannend geschriebener Beitrag.
Ich kann mir vorstellen,wenn man stolz
die Uniform der VM getragen hat und
und dann in eine Landseruniform gesteckt
wird und dann kommt noch der rüde Um-
gangston dazu das ist schon deprimierent.



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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon Sir Henry » Sonntag 12. April 2015, 22:13

Hallo Dieter,
hast Du sehr gut geschrieben den Beitrag. Ist schon schlimm wie die Zustände waren. Vor allem das profilgehabe der jungen Offiziere. Die hatten ja eigentlich noch gar nicht gedient.
Um dem gehabe zu entgehen gab es bei uns eigentlich ein stilles Abkommen, nach dem Dienst in der VM nie wieder eine Uniform und schon gar nicht eine von den anderen Streitkräften. Das hat auch etwas mit marietimer Tradion zu tun.
ROA musste ja keiner werden. Gut nun hat der eine oder andere doch nach seiner Dienstzeit sein "Glück" in den anderen bewaffneten Organen gefunden.
Jahre später habe ich einen Kumpel aus unserem Lehrgang in der Uniform eines Leutnant der GT wiedergetroffen, er war bei der Passkontrolle gelandet. So glücklich war er über seinen Sinneswandel nicht.
Na gut sein Ding.
Gruß Sir Henry
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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon Dietrich Lücke » Montag 13. April 2015, 16:33

Hallo Henry,
es kann jetzt passieren, dass ich "Eulen nach Athen trage", aber deine Reaktion auf meinen Artikel läßt vermuten, dass du den ROA nicht richtig einschätzen kannst. Deshalb einige Worte dazu. ROA konnte werden, wer ein Abitur hatte und ein Hochschulstudium absolvieren wird. Mit dem Staatsexamen wurde dann de facto die Ernennung zum Offizier bestätigt und nicht wieder rückgängig gemacht. Das bedeutete nun aber nicht, dass die während des Studiums zum Offizier ernannten Männer nach dem Studium wieder zur Armee gingen. Das war zwar möglich und hat vielleicht der eine oder andere auch gemacht, was aber nicht im Sinne des Erfinders war. Man ging dann nach dem Studium seinem zivilen Beruf nach und wurde ggf. zur Reserve eingezogen. In meinem Fall wären das wieder die Transporteinheiten der rückwärtigen Dienste der Volksmarine gewesen. Das steht auf meiner Ernennungsurkunde zum Leutnant und in meinem Wehrdienstausweis.
Gruß, Dieter



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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon Poseidon » Montag 13. April 2015, 19:29

Wenn unter maritimem Brauchtum auch das Hochhalten der Volksmarinefahne im Zivilen rechnet, kann ich was beitragen:
Mir ging es bei Aufnahme des Studiums ähnlich wie Dietrich
Dietrich Lücke hat geschrieben:... Das geschah im Ferienlager der NVA am Hölzernen See bei Groß Köris.

- Militärische Lehrgang in Groß Köris am Hölzernen See (heute übrigens doch noch existent als KIEZ Hölzerner See). Gediente „durften“ eine Woche vorher anreisen zwecks Übernahme diverser Aufgaben. „Sie, Unterfeldwebel, machen hier Taktikausbildung!“ informierte mich der Leiter der Militärischen Abteilung, Oberstleutnant Gocko (unter uns dann seiner „schlanken“ Figur wegen nur Gonokokko genannt...). Das Dilemma begann mit meiner Frage, was denn bitteschön Taktik sei? Wo ich denn gedient hätte und was ich da gemacht habe, kam als Gegenfrage. Als ich die Volksmarine nannte und weiter meinte, ich dürfe ihm nicht sagen, was ich dort gemacht habe (KSK...), ernannte er mich missgelaunt zum Hauptfeldwebel für einen der Züge. Dazu bekam ich einen Schreiber, direktemang aus einer Schreibstube zum Lehrgang. So viel Pilze wie in den sechs Wochen habe ich nie wieder sammeln können...
Am Lehrgangsende sollte ich zum Feldwebel befördert werden und wies darauf hin, dass nach dem Obermaat der Meister folge - ganze neun Jahre stand trotzdem Feldwebel im Wehrausweis. Bis zum April 1975, da wurden wohl die Ausweise umgetauscht, da konnte ich die Mitarbeiter im Wehrkreiskommando vom Meister überzeugen. Der Dienstgrad steht nun doch hinter Obermaat - Tradition setzt sich letztendlich noch immer durch...



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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon Dietrich Lücke » Montag 13. April 2015, 22:01

Hallo Lutz,
Kurzer Einschub: KIEZ Hölzerner See ist nicht identisch mit dem NVA-Ferienlager. Dieses befand sich von KIEZ aus gesehen diagonal über den See. Wenn du heute googelst, ist dort am Seeufer auf halber Strecke eine Abrißfläche zu sehen, auf der noch Grundrisse und Wege erkennbar sind. Von dem ganzen festen Lager steht nichts mehr.
Gruß, Dieter



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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon elagtric » Montag 13. April 2015, 23:57

Dietrich Lücke hat geschrieben:Hallo Lutz,
Kurzer Einschub: KIEZ Hölzerner See ist nicht identisch mit dem NVA-Ferienlager. Dieses befand sich von KIEZ aus gesehen diagonal über den See. Wenn du heute googelst, ist dort am Seeufer auf halber Strecke eine Abrißfläche zu sehen, auf der noch Grundrisse und Wege erkennbar sind. Von dem ganzen festen Lager steht nichts mehr.
Gruß, Dieter


Mal eine Zwischenfrage : wie viele Seen gab es eigentlich im und ums nicht unbedingt allzugrosse Groß Köris ?

Unser damaliger VEB Mikroelektronik Anna Seghers hatte da nämlich auch irgendwie einen eigenen See. Einmal sozusagen Backbord für die Betriebsangehörigen ein schnieker weissgetünchter Backsteinbau, mittschiffs unser Kinderferienlager mit 'ner Handvoll Holzbungalows und einem halbwegs festen Sanitär- und Essenstrakt. Steuerbord gabs dann nur noch Schilf und Röhricht.
Alles natürlich aus Kindersicht gesehen, ansonst lag der Backsteinbau mittschiffs und wir steuerbord.
War da glaube zwei oder dreimal als Kegel, jedesmal eine verdammt schöne Zeit. Aber ausser den obligatorischen Wanderungen zu den abgesoffenen "Wasserbunkern" kann ich mich da an absolut nix militärisches erinnern. Ausser die ewigen Kiefern und die ewigen Stechmücken ... und jedesmal die billigen Hand-Angeln ausm Krämerladen in der Nähe einer Bahnschranke.

Ich glaube, das Ferienlager lag etwas ausserhalb Groß Köris, aber gehörte wohl noch irgendwie zum Ort.

Soldaten sind mir da nie begegnet, auch auf den vielen Wanderungen und auch als "die Freunde von der Volksarmee" nicht.
mfg, thomas rohnfeld (eLAGtric)



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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon Dietrich Lücke » Dienstag 14. April 2015, 07:42

Hallo Thomas,
wo nun euer Betriebsferienlager war entzieht sich meiner Kenntnis. Als ich dort das Praktikum 1977 absolviert und im nächsten Sommer 1978 Geld verdient habe, warst du 7 bzw. 8 Jahre alt und noch nicht "ferienlagertauglich". In der Gegend von Gross Köris gab es mehrere Seen und eine ganze Menge Betriebsferienlager bzw. Betriebsferienplätze. 1977/78 war das NVA-Ferienlager bereits auf das beste und feinste ausgebaut. Es gab nur feste gemauerte Gebäude ... .
Wir befinden uns jetzt im "maritimen Brauchtum" und unsere Ferienlagerdiskussion gehört hier eigentlich nicht her. Wenn mir einer einen schlauen Tip über den Standort einer Ferienlagergeschichte gibt, in der auch die Marine, besonders unsere Flottille vorkommt, erzähle ich euch die ganze Geschichte.
Gruß, Dieter



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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon kommandant924 » Dienstag 14. April 2015, 16:16

Du könntest hier ein neues Thema eröffnen: :guckstduhier: Seesack
"Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen,
um Holz zu sammeln und Arbeiten einzuteilen, sondern lehre die Männer
die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer."
Antoine de Saint-Exupery
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Re: Maritimes Brauchtum in der Volksmarine / Schnellboote

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Beitragvon Eddy » Donnerstag 16. April 2015, 20:15

Kommen wir wieder zum maritimen Brauchtum und den Ritualen zurück.

Da haben wir den für Zivilisten relativ unbekannten MITTELWÄCHTER, er wurde schon kurz in der Diskussion angeführt. Nun bei diesem „Wächter“ handelt es sich, wie Ihr alle wisst um keinen Wächter als solchen sondern um eine maritime Mahlzeit.
Gewöhnlich fahren ja die maritimen Fahrzeuge, ob Schiff oder Boot benannt, zur See und haben mitunter wenig Kontakt mit dem Land. Bei Schiffen wird im Zwei- oder Dreiwachsystem gefahren bei Booten im Einwachsystem. Die um Mitternacht beginnende Wache wurde und wird „Hundewache“ genannt, die Gefahr der nachlassenden Aufmerksamkeit ist sehr groß. Deshalb haben sich die sogenannten Altvorderen der Marine den Mittelwächter zur Versüßung dieser Hundewache einfallen lassen. Die Männer, die um 00:00 Uhr auf Wache aufziehen mussten, durften gegen 23:30 Uhr in der Messe erscheinen, wo der Smut einen kleinen Imbiss vorbereitet hatte. Würstchen mit Brot, kleine Steaks, Suppen aller Art, Schmalzstullen und ähnliches dazu Tee oder Kaffee sorgten für eine Auflockerung der Laune der Wachgänger und damit für bessere Aufmerksamkeit.

An Bord der Schnellboote, die ja im Einwachsystem fuhren, gab es da mehrere Varianten von der Suppe bis zur Bockwurst. Am beliebtesten waren aber wohl die Schmalzstullen. Mit unter war es aber nicht so einfach diesen Mittelwächter zu reichen, weil ja eigentlich in See keiner Freiwache oder Bereitschaft hatte, alle waren auf GS. Die Kommandanten fand mit dem Smut aber immer eine Möglichkeit die Truppe um Mitternacht aufzuheitern und wenn nicht anders möglich lieferte der Smut den Mittelwächter frei Haus auf GS. Ich denke aber in der Masse der Fälle der Seeausbildung oder bei Seeaufenthalt, lagen die Boote um Mitternacht auf Stopp oder vor Anker. Lagen sie länger vor Anker, gab es auch Wachwechsel und damit auch die Möglichkeit der Einnahme des Mittelwächters im Deck bzw. in der Messe. Bei LTS oder KTS war das aber ein Problem, da es hier keinen Smut an Bord gab. Diese Besatzungen, wenn sie einmal über Nacht in See blieben, griffen dann zu den Seepäckchen oder auch Komplekten, mit warmen Mahlzeiten war das so eine Sache bei den Schnellsten.
Ihr habt sicher alle Eure Erfahrungen mit diesem Mittelwächter gemacht, denn er gehört zur Marine wie das Schiff oder das Boot.

Brauchtum ist ein großer Begriff und bei den Marinen der Welt traditionell immer noch voll im Gebrauch, trotz Elektronik.
In der Volksmarine hatte man Mitte der 80er Jahre versucht daran etwas zu ändern, allen voran die Militärakademie in Dresden und das Ministerium für Nationale Verteidigung der NVA in Strasberg. Die „kleine zänkische Trachtengruppe“ im Norden hielt schon zu lange an „alten Zöpfen“ fest und das sollte geändert werden. Das ging sogar soweit, dass in Erwägung gezogen wurde, die blaue Uniform gegen grau zu ersetzen. Diese Versuche scheiterten Gott sei Dank an der weltweiten Festhaltung am maritimen Brauchtum, was noch heute in allen Marinen der Welt eine mehr oder weniger ausgeprägte Rolle spielt.

Die maritime Sprache
Wie erging es den meisten von uns, als sie zum ersten Mal durch das Tor der Ausbildungsstätte bei der Marine gingen. Hier gab es keine Häuser sondern Steinkreuzer, keine Treppen sondern Niedergänge, keine Zimmer sondern Kammern, keine Türen sondern Schotten, keine Fenster sondern Bulleys, kein Bett sondern eine Koje, keinen Schrank sondern einen Spind, kein links und rechts sondern Backbord und Steuerbord, keinen Tisch sondern eine Back, man ging nicht zum Essen sondern zum Backen und Banken – das war plötzlich eine ganz andere Welt, die Welt der Seemänner. Und wer sich schnell dieser Sprache aneignete und auch verstand diese richtig zu sprechen, der hatte schon einen kleinen Gewinn auf seiner Seite, man gehörte schon dazu, zur Marine. An Bord ging es dann weiter, hier nannte man den Kommandant den Alten, den Ersten Wachoffizier I. WO, den leitenden Ingenieur LI, Funker Puster, den Maschinisten Stoker, den Signalgast Signäler, die Matrosen in ihrer Gesamtheit Lords, das Vorderschiff Back, den hinteren Teil Achterschiff, den kleinen Übergang zwischen Pier und Boot Stelling, Saubermachen heißt Reinschiff, dazu braucht man Pütz und Feudel (Eimer und Scheuerlappen), es gibt Tampen und Taue, die aufgeschossen werden und auch brechen können, wenn das Boot in Farbe gesetzt wird, wird gepönt und so weiter.
Bei der Kleidung geht es weiter, es gibt eine Kieler Bluse mit Exkragen, es gibt eine Klapphose und eine Tellermütze. Die Ausgangsuniform ist die 1. Geige, die Dienstuniform die 2. Geige, die Arbeitsuniform Bord blau, die Freizeituniform Bord weiß, der Überzieher für kalte Tage heißt Kulani und die Wintermütze Bärenfotze.
Der Seemann zittert nicht weil er friert sondern vor Wut weil es kalt ist.
Bei der Marine galt und gilt nur die Fachsprache, und nur mit dieser gehörte man dazu und konnte sich schnell verständigen.

:ahoi: Eddy
"Tradition pflegen heißt nicht Asche aufbewahren sondern eine Flamme am Leben erhalten!"

Berndt Borrmann, Fregattenkapitän a.D.
1. Vorsitzender Heimatverein Dranske e.V.
Ehrenamtlicher Leiter des "Marinehistorischen- und Heimatmuseums Dranske / Bug"
Vorstandsmitglied der MK Bug 1992 e.V.



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