Artikel, wie sie damals geschrieben wurden

:steuermann: Hier ist der Platz für Anekdoten (Begebenheiten) aus der aktiven Zeit bei der VM, die nicht in Vergessenheit geraten sollten

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Artikel, wie sie damals geschrieben wurden

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Beitragvon Eddy » Sonntag 22. November 2020, 19:59

Ich habe mal wieder etwas gekramt und folgenden Artikel aus dem AUSBILDER C, Heft 5, 1989 gefunden.

Vor dem Raketengefechtsschießen das Training
Ausbildung der Besatzungen von RS-Booten
Freg.Kpt. Dipl.mil. Dieter Stübe

205er 732a.jpg

Das zweite Ausbildungshalbjahr 1988 hatte gerade begonnen. Die Einheiten des Truppenteils Rötzsch (3. RTSB-Brigade) erfüllten Gefechtsaufgaben in See. Im Mittelpunkt standen die Herstellung der Geschlossenheit der Besatzungen nach Zuversetzung neuer Besatzungsangehöriger und das Training des Einsatzes der Hauptbewaffnung in Vorbereitung auf das 25. Raketengefechtsschießen. Nach dem Einlaufen der Boote in den Stützpunkt gehen die Besatzungen daran, die Technik und Bewaffnung hafenklar zu machen.
Gefechtsalarm!
Völlig überrascht werden die Besatzungen, als eine Minuten nach dem Einlaufen das bekannte Signal ertönt. Die GA-Angehörigen müssen die begonnenen Arbeiten abbrechen und die Boote see- und gefechtsklar machen. Was sie nicht wissen können, haben der Chef des Truppenteils und sein Führungsorgan bereits erfahren. Das übergeordnete Führungsorgan nimmt eine Überprüfung der Gefechtsbereitschaft des Verbandes vor! Den Besatzungen wird die Aufgabe übertragen, Gefechtsmittel zu übernehmen, den Dezentralsierungsraum anzulaufen und einen „gegnerischen“ Verband aufzuklären, schließlich durch einen Raketenschlag dessen Angriffsfähigkeit zu dezimieren.
Schon mehrmals hatten die Besatzungen derartige Aufgaben mit solchem oder ähnlichem taktischen Hintergrund erfolgreich absolviert. Doch das ist nun vergangener Lorbeer. Jetzt gilt es, diese Leistungen unter den kritischen Blicken der Kontrolloffiziere zu bestätigen.
Raketenübernahme.jpg

Es gelingt den Besatzungen, die Gefechtsmittel in der Normzeit und unter strikter Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen zu übernehmen. Das ist nicht nur ein sehr gutes erstes Ergebnis, sondern auch für das weitere Handeln von großer Bedeutung: Höchste Eile ist geboten, damit die Überführung in den Dislozierungsraum, zu der auch das Befahren des komplizierten Fahrwassers gehört, noch vor Einbruch der Dunkelheit begonnen werden kann. Diese Aufgabe erfordert nämlich schon unter normalen Bedingungen von den Kommandanten und vom Brückenpersonal höchste Aufmerksamkeit und seemännisches Können. Denn die hydrometeorologischen Bedingungen (Wind, Seegang, Strömung) und auch die äußeren Begleitumstände sind bei jedem Auslaufen andere.
Der Dezentralisierungsraum ist erreicht. Man sieht den Besatzungsangehörigen die Anstrengungen der vorausgegangenen Seeausbildung noch an, kann aber auch aus den Gesichtern schon Erwartungen auf das Kommende ablesen. Die Vorgesetzten nutzen die verbleibende Zeit, um die Besatzungsmitglieder auf den GS über den gegenwärtigen Stand zu informieren. Die aufmunternden Worte verfehlen in der angespannten Situation nicht ihre Wirkung.


Gefechtsalarm zum Raketenangriff
Die erforderlichen Kommandos sind kurz und exakt, werden von den GA-Angehörigen laut wiederholt und verantwortungsbewusst ausgeführt. Alle Handlungen laufen wie ein Uhrwerk ab. Doch ist förmlich zu spüren, welche Fragen jeden bewegen: „Wird bei der Zielauswahl das richtige Ziel ermittelt und eingemessen?“ und „Sind die neu zuversetzten Besatzungsangehörigen dieser Aufgabe schon gewachsen?“
Kurze Zeit später meldet die GS 4: „Ziel in …°, Distanz … kbl, zeigt keine Kennung!“. Danach geht es Schlag auf Schlag: Bewegungselemente bestimmen, Gefechtskurs erarbeiten und einnehmen. Das Kommando: „Raketen – Start!“ führen alle Boote in kürzester Zeit aus. Die Aufgabe ist erfüllt. Danach werden die Boote in den Stützpunkt zurückgeführt.
Gespannt erwarten die Angehörigen des Truppenteils Rötzsch das Ergebnis der Überprüfung. Sicher wird jeder unsere Freude verstehen, als wir erfahren, dass die Leistungen der Besatzungen mit „sehr gut“ eingeschätzt werden. Auch den Neuen, die vor etwa 14 Tagen an Bord versetzt wurden, merkt man den Stolz an, diese Bewährungsprobe an der Seite erfahrener Besatzungsangehöriger bestanden zu haben.
Die unablässige individuelle Arbeit der Vorgesetzten und Ausbilder hat sich gelohnt, woran auch die FDJ-Grundorganisationen mit ihren speziellen Mitteln keinen geringen Anteil haben. Denn die Lernbewegung, Patenschaften und die Jugendinitiative „GS der hohen Zuverlässigkeit“ stehen im Truppenteil nicht bloß auf dem Papier.
Vertrauen gerechtfertigt

Obermatrose N. erfüllte seit einigen Wochen an Bord eines RS-Bootes seine Rollenpflicht als Steuermannsgast. So bleibt es nicht aus, dass er beim Befahren des Fahrwassers noch etwas unsicher reagiert. Sicherlich sind die Anwesenheit des Chefs des Truppenteils, wie der Kommandant ein erfahrener Seeoffizier, und die Aufgabe der taktischen Nummer 1 als Führerboot nicht ganz unbeteiligt daran.
Eine Kursänderung steht bevor. Überlegt und rechtzeitig gibt der Kommandant die Kommandos. „Ruder Backbord 15!“ führt Obermatrose N. zuverlässig aus. Das Boot reagiert normal auf die Ruderlage. Der Kommandant befiehlt: „Komm auf – 5!“. Doch was ist das? Das Boot verringert nicht die Drehbewegung, sondern giert noch mehr nach Backbord, und es droht die Gefahr, dass es zu einer Grundberührung mit dem Fahrwassersaum kommt. Reaktionsschnell erfasst der Kommandant die Gefahrensituation und übernimmt kurz entschlossen das Ruder. Im letzten Moment kann er das Boot abfangen und auf den neuen Kurs einsteuern.
Was war geschehen? Auf das Kommando „Komm auf – 5!“ drehte Obermatrose N. das Ruder nicht wie gefordert nach Steuerbord, sondern irrtümlicherweise weiter nach Backbord. Die möglichen Folgen der fehlerhaften Befehlsausführung kann sich jeder selbst ausrechnen, zumal im Kielwasser die taktischen Nummern 2 und 3 liefen.
Die Situation ist gemeistert. Der Kommandant übergibt das Ruder erneut Obermatrose N. der die weiteren Kommandos zuverlässig ausführt. Im Stützpunkt äußert sich der Chef des Truppenteils: „Ich hätte den Kommandanten anweisen können, Obermatrose N. abzulösen. Aber wo, wenn nicht im engen Fahrwasser, kann er die im freien Seeraum erworbenen Fertigkeiten demonstrieren, kann er, ja muss er feinfühlig und reaktionsschnell auf jeden Ruderausschlag, auf jede Bewegung des Bootes reagieren.“ Wie sich zeigen sollte, trug diese Entscheidung wesentlich dazu bei, das Selbstvertrauen des Obermatrosen N. zu stärken, der inzwischen zu den besten Besatzungsangehörigen gehört.
Es ist ungeschriebenes Gesetzt der Besatzungen von RS-Booten, dass nur ein geschlossen handelndes Kollektiv die Aufgaben zuverlässig erfüllen kann. Wie in anderen Besatzungen auch, muss jeder seinem Nebenmann und dessen Handeln vertrauen, muss sich im Klaren sein, dass sie aufeinander angewiesen sind.

Höhepunkt – Raketenschießabschnitt

Für jeden Besatzungsangehörigen unseres Truppenteils ist dieser Abschnitt das Nonplusultra in der Gefechtsausbildung. Auch im zurückliegenden Ausbildungsjahr konnten zwei Besatzungen ihren hohen Ausbildungsstand während der gemeinsamen Gefechtsaufgabe mit den Waffenbrüdern bestätigen. Sie hatten bereits in der Vorbereitungsphase alle Kräfte mobilisiert. Besonders engagiert handelten die Kommandanten, die es verstanden, ihre Unterstellten zu motivieren. So konnte beispielsweise die Besatzung vom Kapitänleutnant W. innerhalb des Verbandes während eines Leistungsvergleiches das Prädikat „Bestes Boot beim Einsatz der Hauptbewaffnung“ erringen. Dieses ausgezeichnete Ergebnis konnte sie im Wettstreit mit der Besatzung eines RS-Bootes der Baltischen Flotte nachhaltig bestätigen. Auch der beste Steuermann und der beste Steuermannsagst unseres Verbandes kommen nicht von ungefähr aus dieser Besatzung. Kapitänleutnant W. hat es wie kein anderer verstanden, die politische und militärische Führung seiner Besatzung als Einheit zu betrachten und konsequent durchzusetzen. Es ist für ihn unverzichtbares Prinzip, stets das Offizierskollektiv in Führungsentscheidungen einzubeziehen und die Potenzen der gesellschaftlichen Organisationen für die Erziehung und Ausbildung zu nutzen.

Sekunden vor dem Start

Endlich ist es soweit. Beide Besatzungen sind nicht nur gründlich auf den Ausbildungshöhepunkt vorbereitet, sondern auch gewillt, unter den Augen der Waffenbrüder zu beweisen, dass sie ihr Waffenhandwerk beherrschen. Ein Meeting im Truppenteil kurz vor dem Auslaufen hatte das Vorhaben wirkungsvoll unterstützt und jedem die Größe der Aufgabe bewusst gemacht. Die hydrometeorologischen Bedingungen für den Einsatz der Hauptbewaffnung sind günstig. Jetzt muss es sich erweisen, ob jeder die vorher oftmals geprobten Handgriffe beherrscht, damit die Rakete gut von der Rampe kommt und die errechnete Flugbahn erreicht.
Die Spannung auf den Gefechtsstationen steigt von Sekunde zu Sekunde. Dann der erlösende Befehl: „Rakete – Start!“. Eine, zwei, drei Sekunden vergehen, nur die Betriebsgeräusche der Hauptmaschinen und der Anlagen sind zu vernehmen. Plötzlich durchbricht ein krachendes Geräusch die Ruhe. Für einen kurzen Moment erschüttert der Bootskörper spürbar. Die Rakete hat den Hangar verlassen und bewegt sich auf der vorausgerechneten Bahn. Die Anspannung lässt nach.
Marine 186.jpg

Als die sicherstellenden Einheiten melden: „Rakete aufgefasst – Rakete abgeschossen – vielen Dank für die ausgezeichnete Zusammenarbeit!“ kommt es zu Freudenausbrüchen. Die Anstrengungen der vergangenen Tage und Wochen sind vergessen. Erneut beweisen RS-Bootsbesatzungen, dass auf diese bewährte Kampftechnik auch gegenwärtig Verlass ist.
Gesamteinschätzung: Note „sehr gut“!
Freude über den Erfolg.jpg

Abschließend sei gesagt, dass solche Erfolgserlebnisse in der Gefechtsausbildung mehr als es Worte vermögen, den gesamten Personalbestand zu hoher Leistungsbereitschaft mobilisieren. Auch in diesem Ausbildungsjahr halten wir uns an die Forderung des Ministers für Nationale Verteidigung, Armeegeneral Heinz Keßler, der zum Abschluss der Parteiwahlen auf der Delegiertenkonferenz der Parteiorganisationen der SED unseres Verbandes in seinem Schlusswort ausführte: „ … dass sich moderne Führungs-, Ausbildungs- und Sicherstellungsbedingungen niederschlagen müssen in ausgewogenen Entschlüssen, soliden Ausbildungsergebnissen und erfüllten Ausbildungsprogrammen. Auf dem hier bisher Erreichten aufbauend, sollten sich die Parteiorganisationen des Verbandes weiter um das beispielgebende Wirken der Kommunisten sorgen, sei es bei der Erfüllung ihrer funktionellen Pflichten, sei es bei der Aufdeckung und Überwindung von Hemmnissen.“

Es ist halt Geschichte.
Eddy
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"Tradition pflegen heißt nicht Asche aufbewahren sondern eine Flamme am Leben erhalten!"

Berndt Borrmann, Fregattenkapitän a.D.
1. Vorsitzender Heimatverein Dranske e.V.
Ehrenamtlicher Leiter des "Marinehistorischen- und Heimatmuseums Dranske / Bug"
Vorstandsmitglied der MK Bug 1992 e.V.



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Re: Artikel, wie sie damals geschrieben wurden

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Beitragvon bitti » Montag 23. November 2020, 17:23

Ich finde den Beitrag aber ganz sachlich geschrieben. Da gab es ganz andere Artikel. Aber im Ausbilder war das eigentlich im wesentlichen noch recht erträglich. Die Themen dort waren oft ganz nützlich und auch meist wirklich mit dem Thema Ausbildung befasst und nicht mit dem Thema "Phrasen dreschen". Die Lobhudelei konnte man da schnell mal "überlesen".



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