Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

Chefs, Struktur und anderes

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Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon stolteraa » Montag 15. September 2014, 18:02

Meine Tätigkeit in der Abteilung Aufklärung Teil I

Wie schon erwähnt, trat ich am 16.09.1981 meinen Dienst im Kommando der Volksmarine in der Abteilung Aufklärung an. Es lief gerade eine Stabsübung, die Offiziere waren angespannt und ich wusste nicht so recht, was ich mit mir in der neuen Dienststellung anfangen sollte. Dazu kam erst einmal ein bestimmtes Unwohlsein, da mit einer Ausnahme die Militärkollegen der Abteilung alle so etwa 12 – 15 Jahre älter waren als ich und schon seit „Urzeiten“ in diesem Metier. Das war etwas ganz anderes als in der Flottille, wo man wusste, was wann wie zu tun war, wo man bekannt war, zu den Älteren und Erfahrenen gehörte. Plötzlich war man „Schütze A… im letzten Glied“ – und so fühlte ich mich auch eine ganze Weile.

Ich hatte das Glück, noch ein paar Wochen als Double meines Vorgängers in der Funktion „Oberoffizier für Seeaufklärung“ arbeiten und von ihm doch noch eine ganze Menge über das Arbeitsgebiet zu hören, vor allem konkreter zu erfahren, welches meine Aufgaben im Einzelnen wären, worauf ich achten müsse, was in der Gefechtsfunktion zu tun wäre usw. Ich lernte in dieser Zeit die Struktur der Abteilung kennen, begriff, dass die einen dafür Sorge zu tragen hatten, dass aus allen Bereichen der VM qualifizierte Beobachtungen, Berichte und Informationen über die NATO – SSK eingingen, die anderen diese auswerteten und daraus sowie aus Informationen anderer Bereiche Schlussfolgerungen und neue Erkenntnisse über den Zustand, technische Veränderungen, die Handlungen, neue Einsatzvarianten oder -prinzipien und Vorhaben der NATO - SSK, insbesondere der Bundesmarine, ableiteten.

Sowohl während der täglichen morgendlichen Lageinformation an den STMCVM als natürlich besonders während höherer Stufen der Gefechtsbereitschaft meldete unsere Chef grundsätzlich als Erster. Zur Beurteilung der Lage und der Entschlussfassung des STMCVM beinhaltete die Meldung die aktuelle Stufe der Gefechtsbereitschaft der Streitkräfte des NATO-Kommandos Ostseeausgänge, die Dislozierung seiner SSK, ihren Zustand und zu erwartende Handlungen sowie wesentliche Veränderungen der Dislozierung der eigenen Aufklärungskräfte.

Das lernte und begriff ich sehr schnell: es gab nicht eine Situation, in der nicht als erstes der Chef Aufklärung zu diesen Themen zu berichten hatte, seine Meldung bildete stets die Grundlage für alles Weitere. Daraus leitete sich natürlich auch die Bedeutung aller seiner Aussagen über Angaben und Informationen ab, die unsere Abteilung organisierte und erarbeitete. Und daraus wiederum leiteten sich die Aufgaben ab, die sowohl für die strukturmäßigen Aufklärungskräfte der VM als auch für die nichtstrukturmäßigen - der Verbände zu erarbeiten, zu organisieren und sicherzustellen waren.
Dazu gehörten die Erarbeitung der Ausbildungs- und Auskunftsdokumente und allseitige Sicherstellung der Einsätze der Vermessungs- (Aufklärungs-)schiffe der 4. VSA (Vermessungsschiffsabteilung) sowie die ausbildungsmäßige und materiell – technische Unterstützung der Aufklärungsoffiziere der Flottillen und Brigaden. Das bedeutete neben der Erhöhung der Qualität, Detailtreue und Aussagekraft der Aufklärungsberichte die materielle Planung und Beschaffung u. a. erforderlicher Foto- und Beobachtungstechnik und -materialien, die Organisation der Verteilung als auch die Beschaffung aussagekräftiger Berichte und Fotodokumente. Das war so mein Verantwortungsbereich, dafür war ich zukünftig zuständig.

Die allerwichtigste Aufgabe aber bestand kurz gesagt darin, dafür zu sorgen, dass unsere Aufklärungsschiffe (und ggf. auch andere, nichtstrukturmäßigen Aufklärungskräfte) jeweils vom ersten Tag an zur rechten Zeit am rechten Ort waren, um die Handlungen der SSK des NATO –Kommandos Ostseeausgänge, insbesondere während gemeinsamer Übungen mit den Kräften anderer NATO – Bereiche so lange wie möglich zu beobachten, zu dokumentieren und dabei Angaben zu beschaffen, die zu Erkenntnissen über neue Waffensysteme, Einsatzvarianten und –parameter sowie evtl. neuer operativ-taktischer Verfahren des Einsatzes der Kräfte und Mittel führten.

Das Hauptziel der Tätigkeit unserer kleinen Abteilung war: gemeinsam mit den Aufklärungskräften der verbündeten Flotten und anderer Teilstreitkräfte der NVA eine Überraschung durch die NATO-Streitkräfte in der Aufklärungs- und Verantwortungszone der VM nicht zuzulassen. Dazu wurde der „Plan der Aufklärung der VM während der ständigen Gefechtsbereitschaft“ erarbeitet, regelmäßig auf seine Wirksamkeit und Effizienz überprüft und bei Notwendigkeit präzisiert.



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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon stolteraa » Dienstag 16. September 2014, 13:04

Meine Jahre in der Abteilung Aufklärung Teil II

„Aufklärung“ hatte hier plötzlich eine ganz andere Bedeutung als für mich an Bord – es schien recht geheimnisvoll, ein nahezu konspiratives Arbeiten. Für mich, der ich es gewohnt war, mit meinen Offizieren, Unteroffizieren und den Matrosen in ständigem Kontakt zu sein, jeden Tag fast zu jeder Zeit Gespräche zu führen, wurde es recht einsam: Ich saß erst einmal - sozusagen als fünftes Rad am Wagen – in einem Dienstzimmer, das sich zwei altgediente Offiziere teilten, die so gut wie nicht miteinander sprachen. Das verstand ich absolut nicht, fragte aber auch nicht nach, es konnten ja auch persönliche Gründe sein. Mit meinem Vorgänger unterhielt ich mich funktionsbedingt natürlich deutlich mehr, aber letztlich auch nur dann, wenn es seine zu erfüllenden Aufgaben zeitlich zuließen.

Als er dann nach einigen Wochen zum Stab der Zivilverteidigung Rostock wechselte, wurde es noch ruhiger um mich herum, denn jetzt fehlte er mir als Gesprächspartner und mein Schreibtischgegenüber sprach auch kaum mit mir. Nur in den Pausen, die er bei seiner konzentrierten Arbeit einlegte, kamen wir gelegentlich ins Gespräch und er erzählte mir dabei sogar manchmal von seinem Hobby – Aquarienfischen. Dabei hörte ich so, was es z. Bsp. beim Wasserwechsel zu beachten gibt , wieviel gefüttert werden darf – all das kam mir später einmal zu Gute, als ich - ansonsten aquarienmäßig völlig ahnungslos - bei einem Besuch meines Bruders seine Fische retten musste und mir daraufhin selbst über viele Jahre ein größeres Aquarium zulegte.

Worüber wir aber kaum sprachen, das war unsere Arbeit. Nach kurzer Zeit fiel mir auf, dass er, wenn er telefonierte, mich wohl am liebsten aus dem Zimmer geschickt hätte – was aber nicht ging. Ich wusste zwar, dass seine Funktion die des Oberoffiziers für Funkaufklärung war, hatte aber keinerlei Vorstellung, was das bedeutete. Irgendwann stellte ich ihm dann einmal eine direkte Frage zu seiner Tätigkeit, erhielt aber keine Antwort. Ich war überzeugt, er arbeitete so konzentriert, dass er meine Frage überhört hatte. Was macht man da? Man stellt die Frage noch einmal – mit dem gleichen Ergebnis. Nach der nächsten Wiederholung erhielt ich endlich in scharfem Ton eine Antwort: „Sie sollten inzwischen gelernt haben, dass hier keine solchen Fragen gestellt werden!“ Wow, die Abfuhr musste ich erst einmal verdauen. Und ich begriff, dass wir beide zwar innerhalb einer Abteilung für den gleichen Vorgesetzten arbeiteten, er genau wie ich eine Oberoffiziersdienststellung innehatte, aber ich nur das wissen musste, was zur Erfüllung meiner eigenen Dienstpflichten gehörte und dazu gehörte mit Sicherheit nicht die Funkaufklärung, seine Arbeit ging mich nichts an.

Erst mit den Jahren erhielt ich dann durch seine Telefonate und die gelegentlichen Besucher nach und nach Einsicht in seinen Tätigkeitsbereich, nach knapp vier Jahren bot er mir das „Du“ an und seit dieser Zeit hatten wir auch ein relativ vertrautes Verhältnis, wobei ich – inzwischen „geläutert“ – keine Fragen mehr stellte. Mittlerweile wusste ich, womit er sich beschäftigte und das reichte aus. Dazu kam, dass zwar er meinen Bereich kannte und bei meiner Abwesenheit auch das Wichtigste für mich erledigte, ich umgekehrt eine Vertreterfunktion für ihn niemals ausführen konnte.



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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon stolteraa » Mittwoch 17. September 2014, 21:37

Das ganze hatte für mich nach kürzester Zeit auch keine Bedeutung mehr, denn der Berg mit Aufgaben, die zu erfüllen waren, wurde selten kleiner und so hatte ich mit mir und meinem Bereich genug zu tun. Unser Chef hatte ein untrügliches Gespür dafür, wann wir „die Nase wieder einmal voll hatten“: Hatte er an solchen Tagen dann seinen Schreibtisch geleert und alle Dokumente und Aufgaben an uns weitergegeben, beauftragte er unsere Sekretärin, belegte Brötchen und Kaffee vorzubereiten und lud dann zu einer Kaffeerunde ein. Wir waren wütend – der Tisch voller Dokumente und Aufgaben, die Termine drückten an allen Stellen und wir mussten zu ihm zum Kaffee einrücken. Das dauerte dann so etwa eine Stunde, dann durften wir wieder an die Arbeit – der Feierabend war fast erreicht. Wie oft haben wir diese Termine verwünscht! Und trotzdem – ich habe sie später nicht nur sehr vermisst (sie förderten natürlich unser Zusammengehörigkeitsgefühl, hatten wir doch alle die gleichen Probleme), sondern führte ähnliches in meinem Verantwortungsbereich ein. Doch dazu später.

Ganz wichtig war für mich die Zusammenarbeit mit unseren Diensthabenden Aufklärung und der Unterabteilung Auswertung. Wie sollte ich unsere Schiffe zur rechten Zeit an den richtigen Orten haben, wenn ich nicht wusste, ab wann und wie lange die NATO – SSK welche Übung in welchem Seegebiet mit welchen Kräften durchführen. Dank der Erfahrung der anderen lernte ich nach und nach den „Terminplan“ der einzelnen Übungen, die teilnehmende Kräfte und die Gebiete der Handlungen kennen und konnte so – besonders mit Unterstützung meines Gegenübers - die zweckmäßigsten Kräfte und Mittel zur rechten Zeit planen und bereithalten. Das Hauptproblem stellte besonders bei den transatlantischen Übungen die Zeitspanne dar, während der die Haupthandlungen erfolgten, denn damit erreichten wir häufig die Grenzen der Einsatzdauer unserer Schiffe, die ja noch den langen Weg durch die Meerengen zurücklegen mussten.

Die Aufklärungsschiffe brachten stets die besten Ergebnisse. Sowohl mit den Fakten ihrer Berichte als auch mit dem abgelieferten Fotomaterial war das Ergebnis ihrer Einsätze stets ein echter Erfolg. Vor allem aber brachten besonders die Funkaufklärer des FD-18 (Funkdienst) - für die mein Gegenüber u. a. zuständig war - sowie die "Berliner" von ihren Einsätzen auf den Vermessungsschiffen äußerst wichtige Erkenntnisse mit, wie z. Bsp. über den Einsatz der amphibischen Kräfte der USA bei der Heranführung von Unterstützungskräften und Nachschub, taktischer Varianten bei Geleitüberführungen und Anlandungen, Zusammenwirken mit Aufklärungs- (u. a. AWACS - Flugzeugen) und anderen Fliegerkräften, Zusammenwirken mit Land-, Luft- und Seestreitkräften anderer NATO – Bereiche und, und, und …

Meist nicht so rosig sah es aus, wenn besonders das Filmmaterial der nichtstrukturmäßigen Aufklärungskräfte der Flottillen eingereicht wurde. Ich muss zugeben, dass es für mich die erste größere Enttäuschung in dieser Dienststellung war, als ich die ersten Fotos der Bereitschaftskräfte der 6. Flottille – von denen ich mir auch eine Menge versprochen hatte – aus dem Fotolabor abholte: Nahezu alle Bilder waren so unscharf oder verwackelt, das man nur wenige zu einer Auswertung nutzen konnte. Natürlich war es ein Unterschied, ob von einem schnelllaufenden Kielgleitboot oder einem ruhig dahinschaukelden Langsamläufer -, ob mit Kleinbild- oder Spiegelreflexkamera fotografiert wurde, aber es zeigte sich deutlich, dass besonders durch die immer wieder wechselnde Bedienung der Apparate keine konstante Qualität erreicht wurde. Damit beantworten sich auch viele Fragen, die hier im Forum schon des Öfteren gestellt wurden: „Was wurde aus unseren Fotos, wir haben so viele Bilder gemacht und nie etwas davon gesehen“. Am meisten war ich enttäuscht, als ich nach von meiner Besatzung angefertigten Bildern suchte und das gleiche Ergebnis vorfand: unscharf, verwackelt, zu weit weg. Mit den Jahren und besonders durch die Festlegung bestimmter „Fotografen“ verbesserte sich zwar das Ergebnis, ohne jedoch jemals eine wirklich ständig gute Qualität zu erreichen.



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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon stolteraa » Freitag 19. September 2014, 20:39

Meine Jahre in der Abteilung Aufklärung

In diese Jahre fielen auch mehrere nationale- und multinationale Übungen der VOF, zu deren Umfang auch die Verlegung und ein über mehrere Tage andauerndes Arbeiten der Führungsgruppen des Kommandos im unterirdischen Gefechtsstand der Volksmarine in der Nähe von Tessin gehörten. Es war für mich ein sehr merkwürdiges Gefühl, erstmals in dieses streng bewachte Objekt im Wald, in das „Heiligtum des Kommandos“ zu kommen, die Be- und kameramäßige Überwachung des gesamten Objektes zu sehen, die schmale Betonstraße, die durch den zweiten Zaun und weiter in den Wald hinein führte und vor einem Grashügel mit einer Stahltür endete, dann bei düsterer Beleuchtung die vielen steilen Stufen hinab in feucht-kühler Luft bis zur Panzertür und dann das „Zeremoniell des Öffnens“ zu erleben: zu warten, bis zischend der Überdruck entwich, mühsam die schweren Stahltüren zu öffnen und das Schleusensystem mit vielen Stahltüren zu passieren. Und es tauchte kurz die Frage auf: „Für wie lange - und was dann?“

Die dumpfen Empfindungen beim Betreten des Bauwerks lösten sich in den Arbeitsräumen schnell auf: der Zwang zum sofortigen, hochkonzentrierten Arbeiten ließ keine Zeit für irgendwelche anderen Gedanken aufkommen und wenn dann langsam Ruhe einzog, hatte man sich schon an die regenerierte Luft, die räumliche Enge und die schmalen Gänge zwischen den einzelnen Führungspunkten gewöhnt, beschäftigte man sich nur noch mit den anliegenden Aufgaben.

Im Lage- und Informationszentrum wurde die Lage im Küstenbereich und auf dem Seeschauplatz dargestellt und über Kameras und Monitore für die Entschlussfassung des Chefs der Volksmarine sowie zur Information aller Arbeitsgruppen in die Arbeits- und Spezialistenräume übertragen. Umgekehrt meldeten die Chefs der Bereiche ihre Zuarbeiten, die in Form großer Karten erstellt, in akribischer Weise gezeichnet und beschriftet wurden, aus ihren Arbeitsräumen mittels Kamera an das Lagezentrum. Auf diese Weise waren sämtliche Arbeitsgruppen des Stabes gleichzeitig und allseitig über jegliche Lage- oder Aufgabenänderung informiert.

Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang die „Lebensumstände“, mit denen wir klarkommen mussten: Jeweils am ersten Tag wurde nach einer Phase der Einarbeitung aller Teilnehmer auf ein Vier-Stunden-Wachsystem übergegangen und die zweite Wache zog sich zum Schlafen zurück. Geschlafen wurde in zwei Schlafräumen, eingerichtet mit dreistöckigen Betten, jeder suchte sich auf eine Koje und das war’s. So ganz ohne Belüftung, mit manchen Schweißsocken an den Füßen einzelner Militärkollegen, war das ein „Narkotikum“ der besonderen Art und nicht unbedingt dazu angetan, sich trotz Müdigkeit auf die Koje zu freuen. Glücklicherweise wurde dieser Zwang in späteren Jahren aufgehoben und die Freiwache durfte das Bauwerk verlassen und in den Räumen der oberirdischen Unterkünfte schlafen. Anfangs durfte in den einzelnen Arbeitsräumen noch geraucht werden (es muss für die Nichtraucher eine Qual gewesen sein!), später wurde das untersagt.

Als ich das erste Mal den Bunker verließ, stellte ich erst einmal so richtig bewusst fest, wie wunderbar frische (Wald-) Luft riecht, wie wohltuend Sauerstoff ist. Schon nachdem sich die schwere äußere Stahltür hinter uns geschlossen hatte, bemerkte man diesen herrlichen Geruch, der sich mit jeder weiteren Treppe verstärkte.



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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon stolteraa » Samstag 20. September 2014, 08:53

Meine Jahre in der Abteilung Aufklärung

Gegessen wurde in der kleinen Messe, in der sich - bis auf die Führung der VM und deren Gäste, für die ein abgeteilter Raum zur Verfügung stand - sämtliche Dienstgradgruppen vom Matrosen bis zum Kapitän zur See die Plätze teilten, d. h. man musste warten, bis ein Platz frei wurde (Insofern ist die Darstellung auf der Webside „bunker-tessin“ nicht exakt, es erfolgte dort keine Trennung nach Dienstgradgruppen).

Die schlimmsten Zeiten aller Übungen im Zusammenwirken waren für mich die, wenn ich als Wachleiter im Führungspunkt Aufklärung tätig war, was habe ich da geschwitzt: Es mussten ja alle Funksprüche der Einheiten in See und der Nachbarn – also der Luft-und Landstreitkräfte und Nachbarn und jede Menge Fernschreiben in Russisch ausgewertet und beantwortet werden und anschließend noch in Russisch Meldung an den Chef des Stabes erstattet werden. Nur gut, dass stets eine Gruppe Dolmetscher im Bauwerk arbeitete und ich zu ihnen einen guten Kontakt hatte.

Wie prinzipiell störanfällig dieses System zum Besetzen des Bunkers war, zeigte ein Zwischenfall, der in diesen Jahren passierte: Es gab klare Normzeiten, innerhalb derer alle Beteiligten im Bus zu sein -, die Busse abzufahren hatten und wann im Bauwerk die Bereitschaft des Stabes zur Übernahme der Führung der Kräfte hergestellt sein musste. Nach der Alarmierung besetzten wir im Kommando die Busse, die uns zur RS-18 bringen sollten und auf Kommando des Busverantwortlichen wurde die Überfahrt angetreten. Jeder Bus war mit ca. 40 Offizieren, die alle ihre GVS- Koffer, - Dokumente und –Karten bei sich hatten, besetzt.

Unterwegs, auf der langen Geraden von Sanitz nach Tessin hatte unser Bus plötzlich eine Panne, die der Kraftfahrer ohne technische Unterstützung nicht beheben konnte. Die nachfolgenden Busse konnten lediglich einzelne Personen mitnehmen, wir anderen standen herum, legten mit der Vielzahl der gerauchten Tabakwaren eine „Nebelwand“ um den Bus und warteten, dass technische Hilfe einträfe. Das aber dauerte über eine Stunde, dann Reparatur und erst mit einer Verspätung von über zwei Stunden war die Führungsgruppe im Bunker komplett. Bis dahin konnte aus der RS-18 keine stabile Führung der Kräfte gewährleistet werden.

Es war ja Frieden und nur eine Übung – wie aber wäre das in einem „Ernstfall“ ausgegangen, womöglich noch mit gegnerischen Einwirkung?!



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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon bitti » Samstag 20. September 2014, 11:12

Danke für diese lebhaften Blicke hinter die Kulissen!



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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon Ambrosius » Samstag 20. September 2014, 11:14

stolteraa hat geschrieben:.......Damit beantworten sich auch viele Fragen, die hier im Forum schon des Öfteren gestellt wurden: „Was wurde aus unseren Fotos, wir haben so viele Bilder gemacht und nie etwas davon gesehen“. Am meisten war ich enttäuscht, als ich nach von meiner Besatzung angefertigten Bildern suchte und das gleiche Ergebnis vorfand: unscharf, verwackelt, zu weit weg. Mit den Jahren und besonders durch die Festlegung bestimmter „Fotografen“ verbesserte sich zwar das Ergebnis, ohne jedoch jemals eine wirklich ständig gute Qualität zu erreichen.


Im Allgemeinen war Fotografieren in Meerengen für uns verboten. Bei einer Schulschifffahrt habe ich im Sund trotzdem durchs Bulleye (hätte geschlossen sein müssen) einige BM oder dän. oder schwed. Kriegsschiffe fotografiert. Und wurde dabei erwischt.
Natürlich war auch eine Aufklärungskamera mit Wahnsinns-Tele an Bord, und da wir auch ein Fotolabor an Bord hatten, wurden die Filme gleich entwickelt. Offenbar sind die Bilder nix geworden. Erst nach einer Woche erinnerte man sich meiner Verfehlung und konfiszierte meinen Film. Eine Bestrafung deshalb hat es nicht gegeben. Vielleicht war man froh, doch etwas Vernünftiges vorlegen zu können.
Solche PRIVATEN Filme sind dann wohl auch bei euch gelandet?
Mit oder ohne Vermerk "privat"?
:ahoi:
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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon stolteraa » Sonntag 21. September 2014, 16:48

Ambrosius hat geschrieben:... Solche PRIVATEN Filme sind dann wohl auch bei euch gelandet? Mit oder ohne Vermerk "privat"?...

Ahoi Roland, ich habe in den Jahren nicht auf einem einzigen Bildbericht den Vermerk "privat" entdecken können. Ganz ehrlich, das wäre mir damals auch völlig gleichgültig gewesen, da wir so gut wie nie erfuhren, wer denn nun dieses oder jenes Mal fotografierte. Ich denke, es war so, wie du annimmst: Man war froh, etwas Vernünftiges vorlegen zu können - so man denn einmal so etwas hatte. Und wir freuten uns, wenn etwas Vernünftiges auf den Tisch kam. Gruß stolteraa



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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon stolteraa » Sonntag 21. September 2014, 17:31

Meine Jahre in der Abteilung Aufklärung Teil IV

Eines schönen Tages 1983 oder 1984 wurde ich zu meinem Chef befohlen, der stellte mich zwei Herren in Zivil vor und befahl mir, sie zum Hafenkommando zu begleiten und mit ihnen eine bereits georderte Barkasse für eine zweistündige Ausfahrt auf die Warnow zu nutzen. Zwar hatte ich eigentlich (ich hasse dieses Wort "eigentlich") keine Zeit, aber Befehl war Befehl und das Wetter war schön – warum also keine kleine „Seefahrt“. Ich konnte mir absolut keinen Reim darauf machen, weshalb diese Herren begleitet werden mussten, denn den Weg zum Hafen konnte man nicht verfehlen, andere Schiffe oder Boote lagen nicht dort - weshalb also die Begleitung. Die Herren hatten einen größeren schwarzen Koffer bei sich, den sie auch zum Hafen mitnahmen.

Kaum hatten wir abgelegt, öffneten sie diesen Koffer und ich erblickte eine große, nagelneue West-Videokamera, wie sie die Reporter vom Fernsehen unterwegs auf den Schultern trugen. Bevor ich mir irgendwelche Gedanken dazu machen konnte, was sie damit wohl wollten, wurde mir eröffnet, dass sie dieses Gerät für mich zur Nutzung mitgebracht hätten, ich sollte künftig damit arbeiten. Es folgten zwei Stunden konzentrierter Einweisung in die Bedienung dieser Kamera, dann waren wir wieder im Hafen angelangt und zurück durfte ich den Koffer schon selbst tragen: Ich war jetzt stolzer „Besitzer“ und alleiniger Nutzer einer westdeutschen Videokamera. Ich kannte damals weder den Begriff noch die Bedeutung des Unternehmens „KOKO“ oder den Namen Alexander Schalck-Golodkowski, aber ich konnte mir schon denken, dass da jemand vom GA – VII seine Hand im Spiele gehabt haben musste.

Eingedenk der Erfahrungen mit unseren Fotoapparaten bei den nichtstrukturmäßigen Aufklärungskräften war klar – ohne „Üben, Üben, Üben“ wird auch mit dieser Technik nichts. Außer einer Bedienungsanleitung und Ladekabel hatte ich noch einen Videorecorder und mehrere "vierstündige" Videokassetten erhalten, konnte mir also alles Aufgenommene wenigstens noch einmal ansehen, bevor ich es irgendjemandem zeigen sollte.

Meiner entsprechenden Bitte wurde stattgegeben und ich durfte wochenends die Kamera zum Training mit nach Hause nehmen. Sowohl während des Dienstes als auch in der Freizeit daheim und im Garten begann ich, mich mit der Kamera vertraut zu machen und zu filmen.
Einfach war das für einen Laien und Anfänger wie mich nicht, denn so ein großes (und ganz schön gewichtiges) Gerät auf der Schulter zu tragen, ruhig zu halten und dabei das Wesentliche im Auge zu behalten, zu begreifen, wie langsam man schwenken muss, um dabei auch nichts "verschwimmen" zu lassen, war – im wahrsten Sinne des Wortes - gar nicht so leicht und wollte erst einmal erlernt werden. Dazu kam, dass ich mit der Zeit feststellte, dass ohne eine Art "Drehbuch" - also vorweggenommenen Vorstellungen über das "was und wie" - und ohne mündliche "Live" - Kommentare das Ergebnis nur die halbe Freude bedeutete. Andererseits - jeder, der zwischenzeitlich mit einer Videokamera, Webcam oder Smartphone Videoaufzeichnungen gemacht hat, wird sicher betätigen können, wie kompliziert es ist, sich auf das wesentliche Geschehen einer Handlung oder eines Ablaufs zu konzentrieren, gleichzeitig zu filmen, sich dazu Text einfallen zu lassen und zu sprechen. Das ist m. E. unmöglich und ich konnte es auch nicht. Gerade in oder über See, angesichts der nicht immer nur ebenen eigenen Bewegung und mehrerer sich relativ schnell bewegender Objekte war ich meist schon froh, die Handlungen eines angepeilten Objektes auch so, wie beabsichtigt, ordentlich "auf die Platte" bannen zu können.

Natürlich hatten wir diese Kamera nicht, um Familienvideos zu drehen und so nutzte ich jede Möglichkeit, um mit Schiffen in See zu stechen und Handlungen von NATO-Kräften zu dokumentieren. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass stundenlange Videos, bei denen nicht viel passierte, keinen Sinn machen. So begann ich, mit nichts anderem als Kamera und Videorecorder, ohne Schneidpult und auch ohne die geringste Erfahrung für eine solche Tätigkeit meine Aufnahmen zu schneiden und nur das Wesentliche zu behalten. Es war ein Arbeiten wie in der Steinzeit, dauerte ewig und führte letztlich doch zu einem zufriedenstellenden Erfolg (Auch darüber berichtete ich bereits - siehe "USS IOWA").



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Re: Erlebnisse aus meiner Dienstzeit

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Beitragvon Paul-Richard » Sonntag 21. September 2014, 21:01

Jetzt weis ich warum ich als Läufer ! im stab laufend den Wasser-stand der Peene und alles andere im Objekt F16 dem damals unbekanten Dienst Melden musste.War mir auch Egal,hatte dafür jeden Tag Ausgang zum Training. sonst im Hafenkomando tätig.Über leben war wichtig.

Das Bild neben an,war nur Aushilfe als Käpten eines Kreuzfahrt-Schiffes ,!


["Beiträge" zusammengeführt - wozan]



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