meine Marinegeschichte als MKF im ML18

:steuermann: Hier ist der Platz für Anekdoten (Begebenheiten) aus der aktiven Zeit bei der VM, die nicht in Vergessenheit geraten sollten und auch für Besonderheiten der Standorte

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meine Marinegeschichte als MKF im ML18

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Beitragvon Cheffahrer ML18 » Freitag 10. Dezember 2021, 10:40

„Mit der Einberufung zur Nationalen Volksarmee beginnt für jeden jungen Menschen ein neuer Abschnitt seines Lebens. Soldat zu sein stellt neue Anforderungen an den Menschen
und verlangt von ihm politische und menschliche Entscheidungen, die in dieser Konsequenz in seinem
bisherigen Leben meist nicht gefordert worden sind.“

aus: „Handbuch Militärisches Grundwissen“, 5. Auflage
Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik


Der Fahneneid

ICH SCHWÖRE
Der Deutschen Demokratischen Republik,
meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen
und sie auf Befehl der Arbeiter– und Bauernregierung
gegen jeden Feind zu schützen.

ICH SCHWÖRE
An der Seite der Sowjetarmee und der Armeen
der mit uns verbündeten sozialistischen Länder
als Soldat der Nationalen Volksarmee
jederzeit bereit zu sein,
den Sozialismus gegen alle Feinde zu verteidigen
und mein Leben zur Erringung des Sieges einzusetzen.

ICH SCHWÖRE
Ein ehrlicher, tapferer, disziplinierter
und wachsamer Soldat zu sein,
den militärischen Vorgesetzten
unbedingten Gehorsam zu leisten,
die Befehle mit aller Entschlossenheit zu erfüllen
und die militärischen und staatlichen Geheimnisse
immer streng zu bewahren.

ICH SCHWÖRE
Die militärischen Kenntnisse gewissenhaft zu erwerben,
die militärischen Vorschriften zu erfüllen
und immer und überall die Ehre unserer Republik
und ihrer Nationalen Volksarmee zu wahren.
Sollte ich jemals diesen
meinen feierlichen Fahneneid verletzen,
so möge mich die harte Strafe
der Gesetze unserer Republik
und die Verachtung des werktätigen Volkes treffen.






Erster November Neunzehnhundertsiebenundsiebzig,
Güterbahnhof Neubrandenburg
„Ick bin do nich blöde! – Drei Jahre Asche mit Schnuffi, Kalaschnikow un Strammsteh’n vor jedet Arschloch wat dir üba’n Weg hopst! Die seh’n mir da nich een Tag länga, as et nötich is! Wenn et denn nu unbedingt sein muss!“
Es muss wohl, denn sonst wären wir ja nicht hier.
Hier auf dem Neubrandenburger Bahnhof.
Genauer gesagt, auf dem Neubrandenburger Güterbahnhof. Die normalen Bahnsteige würden wahrscheinlich von den vielen Rekruten aus allen Teilen des Bezirkes Neubrandenburg so verstopft werden, dass der „zivile“ Zugverkehr der Deutschen Reichsbahn völlig zum Erliegen käme.
Vielleicht will man uns aber auch einfach nur auf diese Weise die Wertschätzung klarmachen, die wir von nun an als Wehrpflichtige genießen: Soldaten der NVA, Beschützer und Verteidiger der Errungenschaften des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden.
Menschenmaterial, nach Belieben zu verladen, zu transportieren und wenn’s sein muss, auch zu verheizen.
Nahezu im Überfluss vorhanden, jederzeit verfügbar und ohne Probleme nachzuordern. Ideal für die Sandkastenkriege verrückter Weltverschlimm-besserer.
„Pisst och schon den janzen Tach! Passt absolut zu meine Stimmung heute, det Wetta!“ Olle Großschnauze, denke ich.
So’n Randberliner – auch die Prenzlauer zählen sich dazu - muss halt alles kommentieren. Es ist seine Natur und gegen die kann man ja bekanntlich nicht an. Der feuchtkalte Nieselregen hat sich in den Fasern meiner Jacke festgesetzt, macht sie schwer und schwerer und beginnt langsam ungemütlich durchzudringen. So bei dreißig Mann stehen immer um einen Uniformträger mittleren Dienstgrades herum. „Zehn – Ender“ nennt man diese Zeitsoldaten. Ich schiele den unseren von der Seite an. Eigentlich sieht er nicht so aus, als würde er junge Männer auf dem Kasernenhof schikanieren: Schwarzes Haar, das seitlich schon etwas grau unter der dunkelblauen Schirmmütze hervorschimmert. Schlank, mit nahezu tadelloser Haltung repräsentiert er schweigend, nur hier und da sparsam und im ruhigen Ton Verhaltenshinweise austeilend, die Würde der Volksmarine der DDR. Auch an seinem dünnen aber wenigstens von innen gummierten Wettermantel rinnen träge die Wassertropfen herab.
Graue Menschen, graue Wolken. Einzelne Windböen, die nur noch mehr kalte Nässe heranwehen, der schwarzklumpige Matsch aus Brikettabfall, Zementschlamm, Kuhfladen und was es an einem Güterbahngleis noch so an Materie gibt. Das alles zusammen bildet auf eindrucksvolle Weise den ersten November neunzehnhundertsiebenundsiebzig.
Den Tag meiner Einberufung zum „Ehrendienst“ in der Nationalen Volksarmee.

„Da musst du durch, Junge!“ hatte ich überall gehört, wenn ich wütend aber hilflos die Frage stellte, mit welchem Recht man eigentlich seiner persönlichen Freiheit beraubt und der Willkür irgendwelcher anderer Menschen unterworfen werden kann. Menschen, die auch nur geboren wurden um wieder zu sterben und sonst nichts oder kaum etwas.
„Das ist nun mal so!“
„Das ist die letzte Schule vor dem endgültigen Erwachsenwerden eines Mannes!“ „Unser sozialistisches Vaterland, seine fleißigen Werktätigen und ihre Errungenschaften müssen gegen die geifernde Aggressivität des Weltimperialismus geschützt werden!“
Ähnliche Aussprüche lassen sich, seit Gott die Lehmklumpen des letzten Schöpfungstages zum Leben erweckte, immer wieder in Massen finden.
Nur die leise Stimme meines väterlichen Freundes Günther Schultz, er war damals Pastor in einem kleinen Dorf, an der F 96 bei Neubrandenburg, hatte ein paar Mal von der damals immerhin schon vorhandenen Möglichkeit des Dienstes als Bausoldat zu mir gesprochen.
Für mich aber war Soldat Soldat. Ob mit oder ohne Spaten: Ich hätte auch meine gewohnte Umgebung verlassen müssen, wäre genauso kaserniert worden und kein Quäntchen Drill wäre an mir vorübergegangen.
Im Gegenteil: Man hörte nicht selten, dass Vorgesetzte die Bausoldaten wegen ihrer Waffenverweigerung besonders schikanierten.
Dauernd gibt es Stimmen die warnen: „Du vermiest dir die Zukunft! Wenn du dir unbedingt deinen Studienplatz versauen willst, geh zu den Bausoldaten. Die gelten von vornherein als suspekt, womöglich staatsfeindlich, zumindest aber als kirchlich verseuchte, ewig gestrige Fortschrittsbremsen und Konterrevolutionäre. Null Chance auf Studium. Wenn Du nicht zum Theologen berufen bist, wirst du dein Leben lang Scheiße fegen!“ Beispiele gibt es reichlich. So was durchzustehen braucht ein Maß an Mut und innerer Festigkeit über das ich nicht verfüge.
Also dann eben Wehrdienst mit allen Konsequenzen, auch mit der Genossin Kalaschnikow!
Ich spiele mit der Schuhspitze im schwarzgrauen Schlamm. Meine Reisetasche habe ich nun schon eine dreiviertel Stunde mal in der linken, mal in der rechten Hand, weil ich sie nicht in den Dreck stellen kann. Die Finger beginnen zu frieren, sind schon ganz weiß. Scheiß Armee.
Einige Meter weiter gibt es Geschrei: Erneut ist ein LKW mit „Frischen“ (Sprallen, Spratze und Rotärsche, sind gültige Bezeichnungen für die neu Einberufenen) auf den Platz gefahren. Die hintere Ladeklappe scheppert gegen das Rahmenblech und in drei Reihen plumpsen die Wehrpflichtigen von den Holzbänken. Ein dicker Fähnrich in Feldgrau kläfft die Ankömmlinge an, worauf diese sich zu den angewiesenen Untergruppierungen entlang der Gleiskante bewegen. Jedenfalls soweit sie dazu noch aus eigener Kraft in der Lage sind. Einige von ihnen sind augenscheinlich kurz vor dem Eintreffen beim zuständigen Wehrkreiskommando noch im Dorfkonsum gewesen, hatten sich das nötige „Brennol“ besorgt, waren auch unbeschadet mit dem Stoff durch die Taschenkontrolle des Diensthabenden im Wehrkreiskommando gekommen und haben sich auf der Fahrt zum „Zentralen Sammelpunkt“ gnadenlos dichtgeschossen.
Jetzt ernten sie, was sie vorher reichlich begossen haben: Der KD (Kommandantendienst – die Militärpolizei der DDR) hat diese „Genossen“ im Visier, räumt sie bei der geringfügigsten Auffälligkeit sofort in seinen B -1000-Bus und schafft sie dann in die Ausnüchterungszelle.
Weiter hinten scheint sich jemand gegen diese recht ruppige Behandlung zur Wehr gesetzt zu haben und nun gibt’s richtig Rabatz.
Au Backe, denke ich und sehe wieder unseren „Betreuer“ an:
Der scheint gleichgültig.
An der Mauer eines alten Bahnspeichers stehen drei Mann und kotzen sich zusammen mit Schnaps, Bier und Mutterns Wurststullen, die Seele aus dem Leib. Mir wird vom Hinsehen eklig. Viel fehlt nicht und ich kann mich daneben stellen.
Das erste und letzte Mal richtig betrunken von wenigen Gläsern – aber dafür allem Saufbaren durcheinander – bin ich mit Sechzehn gewesen. Die folgende Nacht, die ich natürlich nahezu vollständig auf dem Klo verbrachte und die anschließend in meinen schmerzenden Kopf hinein gepredigten Mahnungen und Vorwürfe meiner Mutter, sind mir noch allzu erinnerlich. Neben mir steht ein reichlich angeduselter blonder Lockenkopf. Er sieht den Uniformierten von der Seite an: „Du, Herr Stabsgeneral! Ick muss mal pissen!“ Trotz der rustikalen Wortwahl muss er sich sehr um das Hervorbringen dieses schlichten Satzes bemühen.
„Sie werden doch noch die zwei Minuten durchhalten, bis der Zug einläuft. Dann können sie ja gleich auf die Toilette! Ich kann sie jetzt nicht nach da hinten zum Bahnhofsgebäude laufen lassen. Inzwischen kommt der Zug und ich kriege den Ärger, wenn sie’s nicht schaffen und wir ohne sie losfahren!“ Der Fähnrich versucht seine Begründung.
Sein Gegenüber nestelt am Hosenschlitz, schwenkt plötzlich einen beachtlichen Dödel hervor und lässt einen dampfenden Strahl schäumend in den schwarzen Schlamm rauschen, während er gleichgültig „Denn nich! Piss ick eben hier!“ lallt.
Angewidert wendet sich der Fähnrich ab. Einberufungstage sind sicher nicht sein Ding. Er sieht aus, als sehnte er sich nach seiner Schreibstube. (Später lerne ich anhand der Laufbahnabzeichen am Ärmel zu erkennen, dass es sich um einen Vertreter der „fahrenden Einheiten“, also um ein Besatzungsmitglied irgendeines Schiffes, handelt.) Ich sehe in den grauen, wolkenverhangenen Himmel fühle mich zur falschen Zeit am falschen Ort und glaube eigentlich garnicht was ich doch erlebe. Junge Männer, auf Lastwagen zusammengefahren, müssen sich einem Zwang beugen, den sie doch aller Wahrscheinlichkeit nach bei freier Entscheidung ohne Zögern abgelehnt hätten, der ihnen eineinhalb Jahre ihres Lebens rauben wird oder mehr und viele – ja wohl nicht alle - werden am Ende andere Menschen sein.
Na ja, „da musst du durch, Junge!“
Bewegung kommt in die Menge. Hinter der Gleiskurve wird die rostrote Lokomotive sichtbar. Ein dicker, etwas kurz geratener Major quiekt mit einer im Fett seines mächtigen Doppelkinns schwimmenden Stimme: „Achtung der Zug läuft ein! – Treten Sie endlich vom Gleis zurück dahinten!“
„Hätte ´n guten Bahnhofsvorsteher abgegeben, die Qualle!“ Die Stimme kenn ich doch! Ein Bauernsohn aus dem Nachbardorf ist in letzter Minute noch zu uns geschickt worden, nachdem man endlich bemerkt hat, dass er nicht zu den Sandlatschern nach Drögeheide, sondern zur Grundausbildung nach Stralsund auf den Dänholm soll. „Was machst du denn hier?“ Die Idee von der Blödheit dieser Frage springt seiner Antwort voraus durch meinen Kopf.
„Na du erst! Das Gleiche, wie du – ich muss einrücken und die nutzlosesten Jahre meines Lebens verbringen!“
„Wie lange denn?“ Wieder ahnte ich die Antwort. „Grundwehrdienst und keinen Tag länger!“
„Ich auch. Was soll’s: Man kann’s ja doch nicht ändern! Auch Marine?“
„Ja.“ Er streift beim Sprechen den Trubel in seiner Umgebung mit dem Blick des Landwirtes, der über Weite seiner Felder schweift.
Mit nahezu zwei Metern kein Kunststück. „Gemustert bin ich zu den Mot.-Schützen. Passt nicht ganz zur Marine. Hab‘ aber gehört, dass die Karten erst in der Kaserne endgültig gemischt werden. Hast ’n Bier dabei?“
„Nö.“ antworte ich wahrheitsgemäß und habe beinahe ein schlechtes Gewissen. Er sieht mich an wie einen Geist. „Junge, das hier ist die letzte Gelegenheit in Freiheit ein Bier zu trinken und du hast nicht mal eins?!“
Ich erkläre ihm, dass ich mir nicht viel aus Bier mache und – wenn überhaupt – nur mal Wein getrunken hätte. „Rauchste denn?“ Ich verneine.
„Na, dann haben die bei der Asche ja allerhand zu tun, um aus dir ’n richtigen Mann zu machen!“
Das habe ich schon öfter gehört. „Warten wir’s ab!“
„Doch, doch! Kopf hoch Alter! Die haben da bis jetzt jeden versaut, auch wenn er vorher noch so unschuldig war!“ Aha.
Der Zug hat gehalten. Türen fliegen auf und in den Fenstern hängen blasse oder ganz rote Gesichter, aus denen zumeist ein Paar branntwein- wässriger Augen versucht, die Realität zu erkennen. Oder überhaupt wenigstens irgendetwas wahrzunehmen.
Wie war das? „Das letzte in Freiheit zu trinkende Bier?“ Einige haben wohl gesoffen, als müssten sie lebenslänglich dienen. Was mögen sie davon haben? 'Ne dicke Birne. Die wohl ganz sicher!

Der Stabsobermeister sieht genervt auf unseren Haufen. Es klingt etwas grob, als er sagt: „Steigen sie ein, der Zug hält nicht ewig!“ Schade, denke ich, der machte doch erst einen ganz sympathischen Eindruck. Ich Sensibelchen, ich.
Wir nehmen unsere Reisetaschen und schwingen uns auf die Trittbretter. Das heißt diejenigen, die noch schwingen können, schwingen. Die anderen werden mehr gehoben und geschoben. Die Türen knallen, draußen werden Kommandos geschrien und wir drängen uns durch die Wagengänge. Donnerwetter! Die Deutsche Reichsbahn hat Züge mit richtigen Abteilen eingesetzt. Nicht einfach nur Waggons! Wieviel wir diesem Staat doch wert sind! Am Boden rollen leere Bierflaschen umher und große Lachen zeugen davon, dass sie wohl umgefallen waren, bevor ihre Besitzer sie hatten austrinken können.
Manche Pfütze besteht scheinbar auch aus anderer Materie, obschon doch in jedem Wagen eine Toilette war. Nun ja, eben nur eine einzige für einen ganzen Waggon voller ziemlich besoffener, junger Männer.
Irgendwie ist mir das Entsetzen wohl anzusehen. „Das Ding kommt schon aus Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) und hat weiter nichts als Wehrpflichtige geladen.“ Der Bauer er lacht. „Na, da wollen wir mal hoffen, dass wir nicht am Sitz kleben bleiben!“ Ich zweifle: „Zur Not kann Muttern ja waschen! Sie wird in den nächsten 18 Monaten sowieso manch ein nettes Päckchen mit mistigen Klamotten bekommen.“ Eine Erfahrung seit Beginn des Wehrdienstes meines Bruders, der ständig dreckige Unterwäsche nach Hause schickte.
Irgendwann stellte sich heraus, dass das niemals nötig gewesen wäre, weil die NVA auch die bekackten Schlüpfer ihrer Soldaten wäscht. Mein Brüderchen ekelte sich nur vor dem Gedanken, ständig andere, weil nicht ge- sondern verauschte Wäsche zu tragen!
Wir finden ein Abteil mit zugezogenen Vorhängen, schieben die Tür auf und sehen uns um. Platz ist reichlich, zwei junge Männer hängen etwas schräg in den Sitzen und schlafen. Wir stapeln unsere Taschen in die Gepäckhalter über den Sitzen und lassen uns auf die schmutzigen Polster fallen. Nach dem stundenlangen Stehen auf dem Güterbahnhof sind uns doch die Füße weich geworden. Die Tür wird aufgeschoben. Es ist der Fähnrich. „Lassen sie lieber die Vorhänge und die Tür auf, damit sie hören, wenn etwas durchgesagt wird. Sie bekommen für alles was zu tun ist Anweisung. Lassen sie die Fenster nicht zu weit herunter und lehnen sie sich nicht heraus!“
Ach ja: „Steht doch alles auf dem Fensterbrett! Und damit’s der Letzte auch begreift, sogar auf Italienisch: E pericoloso sporgersi!“ sage ich.
„Obwohl nur echte DDR-Wehrpflichtige an Bord sind, Genosse Feldmarschall!“ ergänzt mein Spannemann.
„Sie Komiker!“ Der andere macht ein säuerlich gleichgültiges Gesicht und geht. Wir sehen uns an, grinsen und jeder zieht sich in sich selbst zurück. Ich nehme mir ein Buch, das ich schon zu Hause zu lesen begonnen habe und vertiefe mich so gut es geht, der Andere brennt sich erneut eine Zigarette an und verschwindet dann hinter der „Bauernzeitung“. Draußen klatscht der Regen an die Fensterscheiben. Der Wagen ist überheizt und stinkt widerlich. Immer wieder lösen sich meine Gedanken von den Seiten meines Buches und ich träume zum dreckigen, nassen Fenster hinaus.
Wenn ich nun doch Bausoldat geworden wäre? Quatsch! Müßig, darüber nachzudenken! Und wenn doch...? Ich lege meinen Zeigefinger zwischen die Seiten, klappe das Buch mit Daumen und Mittelfinger zu und sehe wieder auf die vorbei gleitenden grauen Wiesen hinaus. Ja, wenn doch…
Wenn doch, dann wäre ich aller Wahrscheinlichkeit nach erst auf den letzten Drücker, also mit 26 Jahren, einberufen worden. Man hätte mich wie so viele andere auch schmoren lassen, jede Studienbewerbung mit der Begründung, den aktiven „Ehrendienst“ in der NVA noch nicht abgeleistet zu haben, abgelehnt und mich – egal in welchem Betrieb und bei welcher Arbeit auch immer – unter „Schütze Arsch im letzten Glied“ eingestuft.
Aber bin ich das nicht auch jetzt? Werde ich nicht gerade jetzt dort wohin ich fahre, hundertprozentig genau dieser „Schütze Arsch“ sein?
Ich kann es drehen und wenden wie ich will: Die Lage bleibt die Gleiche. Nur einige nicht ganz unwesentliche Details sind jetzt halt anders: Der Dienst mit der Waffe zum Beispiel, der mir suspekt ist wenn ich nur daran denke.
Dabei konnte ich mein Lebtag nicht schießen. Schon mit dem Luftgewehr meines Vaters blieb der aufgestellte Blumentopf stets ganz.
Während meiner Lehrzeit musste der ganze Jahrgang zur so genannten „vormilitärischen“ Ausbildung: Vierzehn Tage im „GST-Lager“ Prerow, auf dem Darß. Im Herbst, bei beschissenem Wetter. Also nichts da, mit FKK-Miezen und heiße Abende am Strand. Dort hatten uns Möchtegern-Kommandeure einen leichten Vorgeschmack auf unseren unweigerlichen „Ehrendienst“ gegeben. Trillerpfeife. Gleich nach’m Wecken um Sechs der Frühsport. Dann Morgenappell: Es war alles dran, was einem Freude macht! Bis hin zu Schutzmaske und Sturmbahn. Abends saßen wir in grauen Baracken zu zwölft auf „Bude“ und erzählten uns Räuberpistolen. Manche brachten vom Ausgang Fusel mit, falls er ihnen nicht schon bei der Kontrolle am Tor abgenommen worden war. Dann ging die Flasche „Pfeffi“ (Nullkommafümundreißich zu Fümfmark-fümunfümzich, hätte Lehrmeister Mamerow gesagt) solange rum, bis sie leer war. Half nicht, machte weder besoffen noch glücklich, enthemmte aber achtzehnjährige Jungs soweit, dass sie freiwillig „Spaniens Himmel“ grölten.
Auch dort gab’s Schießausbildung. Die Munition, die ich verschoss, fand sich allerdings auf keiner Zielscheibe wieder. Ich war eben ein mieser Schütze. Dafür pfiffen von der Betonschutzmauer herrliche Querschläger durch die Gegend. Wie im Westernfilm bei einer Schießerei im Grand Canyion.
Sowas soll also nun um die Schützenschnur ballern. Haha!
Der Zug fährt durch den Bahnhof Grimmen. Weit ist es nicht mehr. Stralsund Rügendammbahnhof heißt das vorläufige Ziel. Ich kenne mich weder in Stralsund aus, noch weiß ich wo die Kaserne auf dem Dänholm ist, die man auf dem Einberufungsschein angegeben hatte. Mein Gegenüber schläft. Die andern beiden dösen vor sich hin. Ich versuche wieder in mein Buch zu kommen. Ist aber nichts.
Immer noch Regen und dicker Nebel. Wir haben einen Strecken-Stopp. Ein Güterzug prescht vorüber.
„Halten wir an jedem Briefkasten?“ Ich frage mich das laut. Wohl eher um mir zu bestätigen, dass ich lebe und hier bin.
Es gibt keine Antwort.
In mir kreiseln Fragen, Gefühle und Bauchgrimmen durcheinander.
Wie würden diese eineinhalb Jahre Wehrdienst für mich werden? Wehrdienst. Wehr dich.
Wogegen werde ich mich achtzehn Monate lang wehren müssen?
Und: Werde ich mich überhaupt wehren können?
Einem Soldaten wird die Mühe des Nachdenkens bereits am Tage seiner Einberufung, am Kasernentor durch seine Vorgesetzten abgenommen.
So haben sie’s draußen (Ich denke schon jetzt in Begriffen wie „drinnen“ und „draußen“, bevor ich überhaupt „drinnen“ bin!) immer gesagt. Unbedingter Gehorsam macht den Soldaten aus. Der Soldat. Was ist das?
Was heißt eigentlich Soldat? Ist es nicht jemand, der für einen Dienst besoldet wird? Bezahlter Kriegsknecht also? Kann auch nicht so recht sein, denn der Sold in der Armee der Arbeiter und Bauern beträgt gerade mal achtzig Mark für den Anfang. Kaum ein Taschengeld. Trotzdem Soldat?
Eher wohl „Wehrdienstleistender“. Den muss man nicht bezahlen und kann trotzdem mit ihm machen, was man will.
Alle halbe Jahre übrigens soll’s einen Zwanziger mehr geben. Kost, Kleidung und Logis sind frei - natürlich.
Egal!
Ich werde also wehrdienstleistender Matrose der Volksmarine der DDR. Berittene Gebirgsmarine zu Fuß. Denn auf ein Schiff kommen Grundwehrdienstler nur zum Rostkloppen, Aufmunitionieren, Reparieren oder so was. Das erfahre ich allerdings logischerweise auch erst später
Die Räder klappern auf den Schienen: Tacktack, tacktack, tacktack. Das Grau draußen war erst schmutzig geworden, nun saust nur noch fleckiges Schwarz an unserem Wagen vorüber. Nach mehrmaligem Flackern schaltet sich die Innenbeleuchtung ein. Durch den rauchig-gelben Schein bekommt der eklige Wagen mit seinem säuerlichen Mief beinahe was anheimelnd Gemütliches. Ich lese wieder in meinem Buch. Draußen fliegen die ersten Lichter der Stadt vorbei.
„Gleich sind wir da.“ Allgemeines Erwachen.
„Hm, fragt sich nur wo!“ Ich will gerade mein Gesicht an die verschmierte Scheibe drücken, um mehr als nur das Spiegelbild unseres Abteils zu sehen, als mir gerade noch rechtzeitig die „Infektionsgefahr“ bewusst wird. Ich fahre mit der Fingerspitze über die leicht beschlagene Scheibe: Schwarz, nichts zu sehen. Dacht ich mir’s doch!
Die Lichter werden mehr, dann wieder weniger und schließlich hält der Zug. „Bahnhof Rügendamm“ steht in abblätternden schwarzen Buchstaben auf ehemals weißem Untergrund am Bahnhofsgebäude.
Draußen wird es laut: Betrunkene grölen, die Schreie der Uniformierten gellen, Türen knallen. Alles vermischt sich zu einem Brei.
Und nach einer Viertelstunde finden wir uns auf dem Bahnhofsvorplatz wieder.
„Anträden, abor e bisschen talli, Leude! Mir wollen heude noch in de Kaßerne!“
Eine Stimme ruft: „Du vielleicht, du Pfeife – ich will nach Hause!“
„Halten Sie Ihren Mund Mann! Sonst wird der erste Tag Ihres Wehrdienstes schon einer der unangenehmsten, die sie sich überhaupt vorstellen können!“ schallt ein resoluter Bass in sauberer, deutlicher Aussprache aus der Richtung des Bahnhofsausganges. Ein Offizier verwechselt offensichtlich die Stufen der Bahnhofsvorhalle mit der Treppe des Stabsgebäudes, weiß sich aber berechtigt und befugt. Die Wirkung ist entsprechend. Eingeschüchtert und unsicher schweigt auch der letzte angesoffene Blödelbarde.
Der Zug hat sich in Linie zu drei Gliedern formiert, macht „Rechts um“ und setzt sich „ohne Tritt“ in Marsch. Neben mir nun nur noch fremde Gesichter. Hier an der See ist der Nebel um Vieles dichter als im Binnenland.
Man kann ihn mit Händen greifen und meine eben erst trockene Jacke zieht das Wasser wieder an. Wir marschieren über die Rügendammbrücke.
„Seht euch noch mal um Jungs! Es wird für die nächsten Wochen der letzte Blick ins freie Leben sein!“
Irgendwo aus dem nassen Dunkelgrau kommt der Ruf.
„Ruhe im Glied!“ brüllt einer in Uniform. Ein Lachen geht durch den Haufen. „Hach, ick weeß ja jarnich, wie ick mein armes zartes Glied zur Ruhe kriejen soll, wenn ick dir seh‘, du schöner Schupo, du!“
Berliner oder Randberliner. Was sonst?
Wir haben den Bahnkörper nach rechts überquert, marschieren auf einer Betonstraße geradewegs auf das Tor der Dänholmkaserne zu. Die Torflügel sind weit geöffnet, der Schlagbaum hoch und neugierige Blicke der Wachsoldaten nehmen uns mit dem leichten Anflug der Überheblichkeit „Altgedienter“ in Empfang.
„Links schwenk... marsch!“ kommt es von vorn, worauf sich der dunkelgraue, noch ziemlich unmilitärisch schlurfende Zug willig zu einer verbeulten Linkskurve bewegen lässt. Gespräche sind nun fast nicht mehr zu hören: Die Spannung oder besser die Ungewissheit über das was direkt bevorsteht, quetscht einen Kloß auch in den bierseligsten Hals.
Auf grauem Beton, zwischen grau verputzten Garagen mit großen grauen Toren, gestalten laute Befehle aus unseren Körpern ein Karree. „Taschen – setzt - ab!“ Knacken und Schurren erfüllt den Platz. Im Schein des gelblichen Neonlichts der Lampen an den Gebäuden, sieht man feinste Nebel- und Regentröpfchen in Schleiern vorbeiwehen. Mein Nebenmann, ein kleiner schwarzer Lockenkopf berlinert leise: „Scheiße allet! Ik bin durchjeweicht bis uff die Knochen! Morjen hab ik ´ne Jrippe!“ Hinter ihm ein größerer, an den Schläfen trotz seiner jungen Jahre schon leicht grauer Landsmann von ihm: „Na und? Denn jehste ehmt jleich uff de Krankenstation un kiekst dir vom Fenster aus an, wie wir üba die Sturmbahn fejen!“ Er reibt sich fröstelnd die Hände, als er es - gleichmütig geradeaus auf den Platz blickend – mit fast unbewegten Lippen flüstert.
„Hören sie her!“ donnert eine kalte Stimme über den nassen Beton: „ Was ich jetzt sage, wiederhole ich nur ein einziges Mal. Dann muss es jeder verstanden haben! Ich rufe ihre Namen laut und deutlich auf. Sie antworten dann mit ihrem Geburtsdatum. Wenn ihr Geburtsdatum und der Name auf meiner Liste übereinstimmen, erhalten sie den Befehl vorzutreten. Sie reihen sich dann in die Gruppe ein, der sie zugewiesen werden!“ Er wiederholt sein Sprüchlein wie angekündigt und das Verfahren beginnt.
Gott sei Dank alphabetisch, denke ich noch, da bin ich auch schon dran. „21.08.57!“ schreie ich. „Vortreten! Sie reihen sich in die Gruppe von Maat Bertram ein!“ Ich reihe mich. Der Maat, ein freundlicher, vielleicht ein wenig unsicherer Sachse, ziemlich jung noch, dem das militärische Getue ganz offensichtlich nicht sehr behagt. Vielleicht hat auch er nur für drei Jahre unterschrieben, um an einen Studienplatz zu kommen. Unsere Gruppe ist voll, teilweise im wahrsten Sinne des Wortes, der Zug wird formiert und ab geht’s, in Richtung Unterkünfte. Hohe Pappeln, von deren Blättern es uns kalt ins Gesicht und in den Kragen tropft, säumen den Beton. Im Schein der Lampen kann ich erkennen, dass es tatsächlich geweißte Bordsteinkanten bei der Armee gibt. Links und rechts lange, zweistöckige Backsteinbauten mit zwei, drei Eingängen.
Stammen auch noch aus Adolfs Zeiten, denke ich bei mir. Sind eben haltbar, die Dinger. Nach einigem Zickzack landen wir vor einem ebensolchen Block. Auf einer schmalen Rasenfläche steht ein alter LKW-Reifen auf einen Betonklotz geschraubt. Dort wo eigentlich die Felge sitzt, hat man eine weiße Blechscheibe eingesetzt, auf die ein rotes, geflügeltes Rad gemalt ist.
Eine hoffnungsvolle Ahnung lebt in mir auf: Sollte ich vielleicht doch zu den Militärkraftfahrern...?
Dass es so ist, sollen wir erst am andern Tag erfahren.



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Re: meine Marinegeschichte als MKF im ML18

[2 / 9]

Beitragvon eddy » Sonntag 12. Dezember 2021, 13:52

Hallo Axel,
sehr gut geschrieben. Man ist richtig in die Situation versetzt, die Du beschreibst. Auch für mich, der 21 Dienstjahre hatte, ist diese Art einer Einberufung sehr interessant. Ich finde hier einen sehr guten Anfang für eine kurzweilige Geschichte eines (noch künftigen) Militärkraftfahrers. Bin gespannt wie es auf der "Schleifer-Insel" weiter geht.
Bis denne
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Re: meine Marinegeschichte als MKF im ML18

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Beitragvon Thommy206 » Sonntag 12. Dezember 2021, 14:45

moin @Cheffahrer ML18,
auch ich bin sehr gespannt auf eine eventuelle Fortsetzung deiner erlebten Marine-Geschichte.
Vielleicht ein kleiner "Tipp am Rande":

damit die Spannung beim Lesen im Beitrag nicht nachlässt, wäre es eventuell zu überlegen, die Beiträge nicht "in Überlänge" einzustellen.
Lieber durch mehrere Beiträge etwas überschaubarer und dadurch "erlebbarer" machen - fände ich noch superer :genau:

weiter viel Spaß beim schreiben und beim Besuch des Forums.
mit kameradschaftlichem Gruß
_______________________

Thommy206

"wer immer tut, was er schon kann,
bleibt immer das, was er schon ist".
- Henry Ford -



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05/84 - 10/86 SAS-Fernschreiber Kdo. VM (SCZ)

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Re: meine Marinegeschichte als MKF im ML18

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Beitragvon Nordperd » Montag 13. Dezember 2021, 14:14

Hallo Axel,

Deine Ankündigung vom 27.Oktber diesen Jahres:
..............Sollte Interesse bestehen, schiebe ich Auszüge aus meiner Geschichte auch gern auf dieses Forum. Ist nicht ganz "unlustig" geschrieben...
Seid gegrüßt und bleibt bei der Fahne!
Axel


bin gerade über Deine Ankündigung "gestolpert". Nun hast Du die erste Kostprobe geliefert und ich muss sagen, ich habe mich köstlich amüsiert.
Da ich hier (Forum der Spezialisten) nicht so oft unterwegs bin - hauptsächlich im Forum der sechsten - bin ich Eddy dankbar, dass er auf diesen Deinen Beitrag aufmerksam gemacht hat.
Nun bin ich und sicher viele andere auf weiter Beiträge von Dir gespannt.
Viele Grüße aus Dresden
@Nordperd



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Re: meine Marinegeschichte als MKF im ML18

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Beitragvon Horst A. » Dienstag 14. Dezember 2021, 11:32

Toller Erfahrungsbericht und ich hatte beim lesen das Gefühl meine eigene Einberufung läuft vor meinen Augen ab, ausser ich bin nicht am Dänholm sondern in der Flottenschule gelandet.
Ich gehörte zu den ersten Wehrpflichtigen (April 1962) und glaube mir, wir waren die
Versuchskaninchen, so nach dem Motto mal sehen wie weit man mit Wehrpflichtigen gehen
kann, entsprechen ruppig waren die Empfangsmethoden auf dem Stralsunder Bahnhof.
Gruß Horst A.



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Re: meine Marinegeschichte als MKF im ML18

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Beitragvon Kulle » Dienstag 14. Dezember 2021, 16:45

Hallo Seemänner,

ich habe meine Einberufung zur Marine, Anreise mit einem dafür extra eingesetzten "Militärzug" von Frankfurt(Oder) nach Stralsund und weiter nach Parow noch anders in Erinnerung.
Wir waren noch "Freiwillige", junge Burschen, und da ging alles noch etwas gesitteter zu. Das werden mir die "alten Säcke" sicher auch noch bestätigen.
Mit Pauken und Trompeten sind wir vom WBK- Ffo. zum Bahnhof unter Begleitung einiger Frankfurter Bürger oder auch Angehörige, verabschiedet worden.
Natürlich wurde der Abschied auch im Zug gefeiert, denn fast jeder von uns hatte was "Prozentiges" bei sich, aber wie gesagt ohne größere Vorkommnisse oder Probleme mit der Militärpolizei die uns begleitete.
Die Fahrt war unendlich lange für die paar Kilometer weil wir wegen eines Zugunfalls irgendwo abgestellt wurden, so dass wir kaputt und übermüdet in Stralsund und dann weiter mit dem Bus in Parow ankamen.
Ja, erst hier kam das "große Erwachen" für uns, als wir wegen Rauchen auf dem Ex-Platz das erste Mal angebrüllt und zusammengeschissen wurden. Dies setzte sich dann ständig fort z.B. beim ersten gemeinsamen Duschen, Laufbahnzuteilung, Empfangnahme der Uniform, Essengängen und in den darauffolgenden Tagen noch extremer beim Drill während der Grundausbildung usw..
Weiter möchte ich nicht darauf eingehen, denn dies hat jeder von uns, auch als Wehrpflichtiger und Kursant durchgemacht.
Erst nach Abschluss der Ausbildung in Parow war es an Bord erträglicher geworden, obwohl wir es als "Neulinge" nicht immer leicht im Umgang mit den "Altgedienten" EK's oder Bootsmann hatten, welcher bereits bei der Kriegsmarine diente und uns das Laufen beibringen wollte.
Später, als wir alles überstanden hatten oder auch heute noch, erinnern wir uns mit Stolz nur noch an die schöne Zeit bei der Marine, die uns zu gestandenen Männern erzog und für unser weiteres Leben von entscheidender Bedeutung war. Für mich war es keine verlorene Zeit!
Gruß Lutz
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Re: meine Marinegeschichte als MKF im ML18

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Beitragvon Cheffahrer ML18 » Mittwoch 22. Dezember 2021, 08:32

Liebe Kameraden,
Danke für die Rückmeldungen - ich habe gestaunt und es hat mich gefreut, dass dieses nette Echo kam. Nun also ein weiterer Abschnitt.
Viel Spaß!


Ein rothaariger Sachse mit den Dienstgradabzeichen eines Maates brüllt die vor mir Stehenden an: „Nu dun hier mal nisch aus dor Reihe danzen, gell! Pleim se gefällichst so schtehn, wie se eingeordnet wor’n sin!“ Seine von Sommersprossen übersäte Visage ist für den passgerechten Sitz einer Männerfaust vorgeformt. „Mach da ma nich in’t Hemde, Kumpel!“ Der ältere Berliner sieht den andern gelassen und leicht grinsend an. Der will vielleicht noch irgendetwas sagen, dreht sich auch noch mit hochgezogenen Augenbrauen um, trollt sich dann aber.
Wir stehen auf dem langen Flur und warten auf unsere Registrierung, die im so genannten Klub- und Fernsehraum stattfindet. Vor mir steht der kleine schwarzhaarige Lockenkopf von vorhin. Es war etwas Zeit und er scheint ins Grübeln geraten zu sein. Der verklärte Blick verrät seine Abwesenheit. Unvermittelt kommt ihm ein Satz über die Lippen, den er wahrscheinlich nur hatte denken wollen: „Wat jetzt wohl meine Kleene macht?“ Seine Lippen zucken verräterisch.
„Wat soll se machen, du Kasper? Vöjeln wird se! Mit’n anda’n! Is doch wo klar!“ Ein großer Dicker mit pausbäckigem Gesicht und dunkelblondem, etwas angeklatschten Seitenscheitel, fühlt sich zu diesen tröstenden Worten verpflichtet.
Unterdessen kriecht die Schlange langsam voran. Auf dem langen Flur ist ständige Bewegung. Diejenigen, die mit dem Schreibkram fertig sind, melden sich wieder bei ihrem Maat und werden auf ihre „Stuben“ gewiesen.
Kurz darauf sieht man sie dann – ohne ihr Gepäck – schon wieder auf dem Flur antreten und zur Tür hinausmarschieren. Ich spreche den hinter mir stehenden Berliner an: „Was haben die denn jetzt noch vor?“
„Na Einkleiden, Ausrüstung empfangen und det janze Pipapo wa! An de Eia fassen muss uns der Dok ja och noch!“ „Alles noch heute abend?“ Ich glaub’s nicht. „Na Mönsch! Is do erst halb Neune! Die ham hier ville Zeit!“ Der Dicke von vorn dreht sich um: „Wat woll’n se? Mir schon wieda an Beutel jreifen? Die sind woll alle schwul! Denn kanna mir och jleich een‘ blasen! Hahahaha!“ Er lacht übers ganze, kindlich-bartlose Gesicht. „Wenna dein Mundstück unta die fette Wanne findet, Quaddel!“ Der hinter mir hat jetzt die umstehenden Lacher auf seiner Seite. Dafür weiß ihm der Dicke keinen Dank: „Du dämlijet Schweijn!“ Er sagt tatsächlich „Schweijn“, indem er beim „ei“ die Mundwinkel breit auseinanderzieht, dass sie fast die Ohren erreichen. Auf diese Weise wird die Verachtung noch deutlicher. Wir kommen dran.
„Ihren Personalausweis geben sie hier ab! Halten sie ihren Wehrdienstausweis bereit und wenn sie haben, die Fahrerlaubnis! Drängeln sie nicht und quatschen sie nicht rum! Desto eher sind wir fertig. Und merken sie sich: Die Zeit, die wir hier durch Trödelei verlieren, geht von ihrer Nachtruhe ab!“ Ein dunkelhaariger Fähnrich in der Funktion des Hauptfeldwebels bemüht sich um Sachlichkeit und Ruhe.
Die Listen werden durch den Kompanieschreiber vervollständigt, die notwendigen Eintragungen in den Wehrdienstausweis vorgenommen und die Personalausweise eingezogen. Auf meinen fragenden Blick sagt der Hauptfeldwebel: „Noch einmal für alle zur Information: Die Personalausweise senden wir zurück an die zuständige Meldestelle der Volkspolizei! Dort werden sie ihnen nach Beendigung des Wehrdienstes wieder ausgehändigt. Bis dahin ist ihr Wehrdienstausweis ihr gültiges Personaldokument!“ Wir haben begriffen. Bei jeder Ausweiskontrolle auf Bahnhöfen oder sonst wo, kann man uns nun eindeutig als Wehrdienstleistende identifizieren. Selbst wenn wir – was meist nicht gestattet ist – in Zivilklamotten unterwegs sein sollten. Da für die jeweiligen Kasernen so genannte Ausgangsbereiche gelten, ist es ein Leichtes NVA-Angehörige zu ermitteln, die diese Bestimmungen verletzt und sich aus dem vorgeschriebenen Gebiet heraus, nach Hause oder zu in der Nähe wohnenden Verwandten entfernt haben. Das wird, so erklärt man uns später, als unerlaubte Entfernung von der Truppe angesehen und hart bestraft.
Wir sind durch und haben uns bei unserem Maat eingefunden. „Sinn nu alle ta?“ fragt er im singenden Leipziger Dialekt. „Tenn komm‘ se jetze mid!“ Er führt uns den Gang entlang, an das andere Ende des Flures, öffnet eine Tür: „Das hier is ihre Stube. Se sähn: Zähn Bedden, fimf Spinde. Leidor schtähn uns nich mehr Spinde zur Vorfüchung. Abor isch werd‘ ihn‘ peweisen, daß de Ausrisdung von zwee Madrosen bei Einhaldung der von mir temonschtrierten Ordnung Blatz findet.“ Die DDR besteht nur aus Sachsen und Berlinern, denke ich gerade, denn ich bin das einzige Nordlicht in dieser Bude. Gewissermaßen der einzige Mensch ohne sprachliche Auffälligkeit in dem Haufen. Und genau darum wieder gerade auffällig.
Jeder sucht sich ein Bett. Das heißt: Die Schnellschalter haben ihr’s schon gesichert, bevor die anderen auf den Gedanken kommen. Ich erwische noch eins unten, denn bei den zehn Betten handelt es sich natürlich um Doppelstockbetten. Einfache Eisengestelle, mit dreigeteilter Matratze. Auf jedem Bett ein Kopfkissen (flach wie‘n Brett) zwei einfache, feldgraue Schlafdecken mit dem Aufdruck NVA, ein graues Buch mit dem Titel „Handbuch militärisches Grundwissen“, verschiedene Fibeln und Heftchen, die Dienstgrade und grundlegende Verhaltensvorschriften beinhalten, sowie eine große braune Plastiktasse und ein Aluminiumbesteck. „Aha, das ist also unser Begrüßungsgeschenk von Vater Staat! Bisschen dürftig, aber immerhin!“ Ich grinse. Maat Bertram steht neben dem Bett an der Tür: „Hör’n se mal alle her! Isch erkläre ihnen jetze, wie de Petten gepaut wer’n missen. Mir ham dazu nur wenisch Zeit, weil mir heude Aamd zum wenichsten noch Sportklamodden un e por Ausrisdungsdeile empfang’n missen. Als allorerschdes würd’sch aber mal saachen, schtell’n mor uns undornander vor. Vielleischt saacht jedor mal, wer er is un woher er gommt. Fang’n se doch glei mal an Genosse Förschter!“
Mir geht nicht mal die Frage durch den Kopf, wieso dem Maat der Name von diesem Förster geläufig ist.
Der große Dicke aber sieht blitzschnell herüber zu dem Angesprochenen und schießt mit dem Satz heraus: „Ach, kennt’a Euch?“ Eine Antwort darauf gibt es nicht. „Icke bin Frank Förster, komme aus Berlin, bin vierunzwanzisch Jahre alt un war als Hausmeista in’nem Erholungsheim tätig. Ick bin in’e Partei, hab ´ne vasuchte Ehe und ´n abjebrochnet Medizinstudium hinta mir un muß für een Kind blechen. Wollta nochmehr wissen?“ Grinsend sieht er sich um. „Det langt uns so schon, Jenosse!“ Der Dicke war dran: „Ick heeße Frank Scheedler un bin aus Werder, wo de Äppelplantaschen sind, wa. Von Beruf bin ick Eisenbieger uffn Bau. Ledich. Det war’t, wa!“ Er dreht sich zu seinem Bett, ruckte aber noch einmal herum und hängt dran: „In’e Partei bin icke nich!“ Ein eigenartiger Seitenblick trifft Förster. Der quittiert mit gewollt gleichgültigem Grinsen und der Bemerkung: „Die nehm‘ o nich jeden, wa!“ Der nächste ist ein Blondschopf: „Icke bin Klaus Bade, hab Baumaschinist jelernt un komm aus Potsdam. Nich vaheiratet, keene Kinda, aber ´ne Freundin.“
Netter Kerl, denke ich, da bin ich auch schon dran. Nach mir mein „Oberschläfer“, Dietmar Tabbert, Baufacharbeiter, dunkel und grobschlächtig, aber mit gutmütigem, etwas aknenarbigem Gesicht. Mario aus Halle folgt. Ein quirliger Sachse, der ständig Lindenbergs Liedzeile auf den Lippen hat: „Und es war wieder alles klar, auf der Andrea Doria!“
Na hoffentlich! Den kleinen Schwarz, Bernd mit Vornamen, haben wir schon auf dem Flur kennengelernt. Er eröffnet uns noch, dass er bis jetzt in Oranienburg in einer Gummibude oder sowas ähnlichem gearbeitet hat. Schedler quatscht dazwischen: „Nu musste bloß noch sagen, det'e Sackstand hast, weil deine Schnecke nu fremdjehn muss!“
Förster sieht den Dicken an: „Mensch, quatsch do nich so’ne Scheiße!“
„Wat jeht dir det an, wenn ick ma wat sage!? Ick sage wat ick will! Fang ma hier nich an zu stänkan, wa!“
Weiter geht’s mit der Vorstellung, drei Sachsen sind noch dabei. Klasse dachte ich leicht resigniert: Ich bin wirklich der einzige Mecklenburger in dieser Bude! Maat Bertram beginnt, uns den NVA-Bettenbau zu erklären, nachdem er die Vorstellungsrunde mit einigen sehr sparsamen Angaben zu seiner eigenen Person beendet hat.
Erstens: Betten sind mit Namensschildern zu versehen! Kommentar von Schedler: „Damit se dir in’e richtije Furzmolle schmeissen, wenn de ma besoffen aus’n Ausjang zurückjetragen wirst!“ Einwurf des Maates: „Vorerst wer’n se geene Gelächenheit zum Algoholmißprauch ha’m. Den erschden Landgang kriechen se frühestens nach dor Voreidichung.“ Lange Gesichter ringsum. „Un det woll och bloß bei jute Führung.“ Förster kratzt sich am Hinterkopf. „Denn drückt ma det Samenreservoir bald det Jehirn raus!“ Schedler grinst wieder breit: „Da jiebt et wohl nich so viel zu drücken. Jehste ebent bei Fräulein Faust in’e Fümffingajasse! Hähähä!“ Er lacht über sein Witzchen und wir anderen lachen mit. Was soll’s? Soldatenleben braucht flotte Sprüche!
Maat Bertram unterbricht den Dialog und die allgemeine Heiterkeit, indem er nun etwas energischer mit der Erklärung des Bettenbaus fortfährt. „Zweidens: Bettlaken übor de Auflägor straff drübberziehn un schön fesde undorschlaachen. Gopfgissen mid’n Bezuuch drüborziehn un uff de Midde von dän Gopfdeil lächen, exakt eene Handbreide vom Gopfende des Beddes!“
Irgendjemand fragt nach Zollstock und Wasserwaage. Maat Bertram hat nur die lapidare Antwort: „Laborn se hier ni immor da dazwischen! Wenn se’s nisch so machen wie ischs gesacht hab, missen se sisch ni wundorn, wenn se’s dann zähnmal hindornannor machen missen! Also weidor: De Degge in dän Bezuuch einziehn un dor Länge nach quer, mid‘n Abschluß am Fußende übor‘s Bedde lächen. Dann de rechts un lings vom Bedde rundorhängenden Enden so nach unden einschlaachen, daß dor Abschluß mit dän Kanten von de Ufflieger üboreinschdimmd!“ Unsere Faszination kennt keine Grenzen. Förster trompetet dazwischen: „Meene Decke is zu breit wa, in so’n Jeknuddel un Jeknautsche kann doch keen Mensch pennen!“ Der Maat weiß sofort die Lösung: „Schlachen se de Degge dor Länge nach uff das erfordorliche Maß ein un heften se se mid’n Faden zusammene!“ Förster verdreht die Augen: „Och noch tapfret Schneiderlein spielen. Det hat ma jrade noch jefehlt!“
„Sodanne nähm‘ se de zweede Degge, lächen de beeden schmalen Seiden zweemal übornandor. De endschdehende Öffnung muß zum Fußende des Beddes zeichen. De linke un de rechde Seide schlachen se so undor, daß och diese Degge mid dän Ufflägorn abschließt! Isch hoffe, se ham sisch alles gemergt un gönnens nacher och noch. Jetzte ham mor geene Zeit mehr, weil mer noch e poor Glamodden in Empfang nähmen missen! Isch werd‘ misch glei orkundischen, ob mer schon tranne sinn!“ Maat Bertram geht, sich zu „orkundischen“, die Tür fällt ins Schloss und wir mit dem Hintern auf die Betten.



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Re: meine Marinegeschichte als MKF im ML18

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Beitragvon eddy » Freitag 24. Dezember 2021, 13:13

Hallo Axel,
ich kann mir den Ablauf Deiner Beschreibung richtig vorstellen. Mach weiter so.
Vorerst ein schönes Weihnachtsfest und bleib gesund.
Bis denne
:ahoi:
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Re: meine Marinegeschichte als MKF im ML18

[9 / 9]

Beitragvon Cheffahrer ML18 » Mittwoch 12. Januar 2022, 09:59

„Heilijer Strohsack!“ Der Werderaner Maurer verdreht die Augen: „Wat mir in mein zartes, jugendliches Leben allet so zujemutet würd, det jeht ja nu bald uf jarkeene Kuhhaut mehr! Bettenbau, Schrankordnung, Frühsport! O Jott o Jott! Ik will wieda nach Hause bei meine Mutta.“ Förster schielt ihn an: „Dir werd’n se solange die Nüsse schleifen, bis de vajisst, dette übahaupt ’ne Mutta hast. Det kannste glooben!“ Die Tür ging auf und gleichzeitig ruft Bertrams Stimme noch halb auf dem Flur: „Achduung!“ Uns fällt unsere jeweilige Verrichtung aus der Hand. Nicht weil wir wissen, dass man auf diesen Aufschrei hin stramm zu stehen und in die Richtung zu schauen hat, aus der er kam, sondern vor Schreck. Nur der dicke Schedler wurstelt in aller Ruhe an seinem etwas seltsam anmutenden Bettenbau umher. „Sie da! Genosse! Würden sie mir freundlicherweise einige Sekunden lang ihre geschätzte Aufmerksamkeit schenken?!“ Schedlers Hirn beginnt zu registrieren, dass hinter ihm irgendetwas von mäßiger Bedeutung vor sich gehen muss. Erst dreht sich sein runder Kopf mit den immer etwas misstrauisch dreinblickenden Augen und den zweifelnd, vielleicht aber auch geringschätzig heruntergezogenen Mundwinkeln, um einige zögerliche Grad herum, dann aber versetzt er vor Schreck seinen bedeutenden Körper in einen Schwung, der durchaus mit einem ausgerenkten Knöchel hätte enden können.
„Mein Name ist Kapitänleutnant Schröder. Ich bin ihr Kompaniechef. Die große Vorstellungsrunde findet morgen früh statt. Wir werden in den nächsten sechs Wochen miteinander reichlich zu tun haben. Leben Sie sich möglichst schnell ein und geben sie sich ein wenig Mühe! Ich werde nie mehr als Höchstleistung von ihnen verlangen! Alles weitere also morgen früh! Weitermachen!“
Die Tür klappt zu und zurück bleiben wir und Maat Bertram. Er ist dann doch etwas mehr konsterniert, als wir es wegen unserer Unbedarftheit sein können. Kaleu Schröder also. Na ja, scheint ja noch ganz annehmbar. Bertram hat sich in diesen Moment scheinbar gefasst: „Nu wer’n se langsam färdisch. Mer missen dann jetzt noch in de Kleidorgammor!“ Ich staune, was mit etwas gutem Willen und angeborenem Idiom doch alles aus der deutschen Muttersprache zu machen ist! Und jeder weiß dennoch den Sinn der Worte zu deuten! Kolossal! Wir ziehen etwas hastiger an unseren Laken und schon öffnete Maat Bertram die Tür, tritt halb auf den mit gelben Riffelfliesen ausgelegten Flur hinaus und brüllt, indem er eine halbe Drehung ausführt: „Herausträden zum Begleidungsempfang!“ Wir treten. Ja wirklich! Einer nach dem andern schlurft hinaus auf den Flur. „So gäht das ni, Genossen! Einrüggen im Laufschritt! Marsch!“ Etwas verdutzt schlurfen wir wieder zurück. Maat Bertram kommt mit in die Bude, zieht die Tür hinter sich ins Schloß und beginnt eine Erklärung: „Also Gänossen Madrosen, mir sin hier bei dor Volgsmarine un nisch in ä Aldorsheim! Wenn es heist: „Herausträden!“, dann säh isch Sie im Laufschritt mit angäwingelden Ormen vor die Düre stürzen. Sodann nähm‘ se, von draußen aus gesähn rechts vor dor Düre, an dor Wand lang Aufschdellung! Un zwor andortalb Kacheln von dor Wand weg!“ Wir müssen etwas dämlich dreinschauen, denn er fügt gleich noch die Erklärung an: „Se wird’n sähn, daß dor Flur mit ofenkachelgroßen Fliesen diagonal belägt is. So kann es ihn‘ ni schwerfall‘n, andortalb Kachel von der Wand zu zählen. An diesor gedachten Linie befinden sisch nach däm Anträden die Absätze ihres Schuhwergs, beziehungsweise späder dann dor Schdiewel, die se nacher glei empfang’n wer’n. Nu also nochemol: Herausträden zum Begleidungsempfang!“ Wir winkeln, stürzen, zählen die anderthalb Kacheln und stehen weisungsgemäß mit den Absätzen unseres Schuhwerks an der imaginären Linie. Der Aufruhr ist allgemein. Immer noch stehen am sogenannten Clubraum einige, die ihre „Abfertigung“ noch vor sich haben. Bei den meisten Unterkünften stehen die Türen offen, Gebrüll, Gemurmel und hier und da Gelächter quellen hervor und werden auf dem endlosen Flur zu einem akustischen Brei, der sich mit einem allgegenwärtigen Wofaseptgeruch mischt und ein eigenartiges Gefühl im Magen hochkommen lässt. Dazu flimmert das kalte Neonlicht hochfrequent von der Decke, die Trafos der scheinbar betagten Röhren brummen. Aus einer der hinteren Stuben kommt ein Maat gebrüllt: „Was soll ich mit so was wie Ihnen denn hier anfangen? Sitzt da und heult! Ein erwachsener Mann! Soll der Ko-Chef entscheiden was wird!“ Die Türpappe rumst dumpf, das lose Aluschild des Drückers scheppert hell auf und schon ist er an uns vorbei und im „Allerheiligsten“ des Kompaniechefs verschwunden. „Rechtsum!“ ruft Maat Bertram. Nun gut, gedreht haben wir uns ja. Sogar in die richtige Richtung. Ist ja auch schon eine Leistung. Später können dann immer noch die Feinheiten kommen. Vor mir furzt es laut und anhaltend. Maat Bertram läuft rot an. Sicher, weil in diesem Moment der Zugführer, ein Stabsobermeister Hausschild wie sich herausstellt, vorbeikommt. „Was war denn das eben!? Sind wir hier im Schweinestall? Wer von Ihnen war das jetzt?“ Er sieht mich an, schwenkt aber gleich weiter, hätte fast Förster als den tatsächlichen Verursacher dieses bewundernswert ausdauernden Darmgewitters richtig identifiziert, entscheidet sich dann jedoch im letzten Moment für den dicken Schedler, weil er solch beachtliche akustische Kraft nur einem entsprechenden Resonanzraum zutraut und tritt auf ihn zu: „Sie werden sich in Zukunft diese Art von Unterhaltungsbeiträgen schenken! Ich habe nicht die Absicht, mich durch Sie blamieren zu lassen!“
„Ick war det nich, Jenosse Chef, wa! Det war der Förster hinta mir!“
Hauschild stutzt einen Moment. „Erstens ist mein Dienstgrad Stabsober-meister und Zweitens: Von Ihnen hätte ich so etwas nicht gedacht, Genosse Förster!“ Förster kneift die Lippen zusammen, errötet leicht und murmelt: „Vazeihung, det war ma nur so rausjerutscht!“ Schedler grient. „Rausjerutscht is jut!“
„Halten sie den Mund und mischen sie sich nicht ein!“ Hausschild sieht Schedler kaum an bei diesem Satz. An uns alle gewandt sagt er nur noch: „Sie werden hier noch sehr viel zu lernen haben. Was Sie aber vor allem beizeiten fressen müssen, ist Disziplin, Unterordnung und Befehlsgehorsam! Ansonsten könnten lausige Zeiten für Sie anbrechen! Maat Bertram, lassen Sie Abrücken zum Empfang der Ausrüstung! Pünktlich um 21.10 Uhr befindet sich der dritte Zug im Keller zum Duschen. Vergessen Sie nicht Handtuch und Seife. Zähneputzen unter der Dusche ist nicht! Damit keiner auf die Idee kommt, seinen Genossen die ausgebürsteten Kotzbrocken vor die Füße zu spucken! Dafür haben wir hier auf dem Flur einen wunderbaren Waschraum. Sicher nicht das heimische Bad, aber zweckmäßig und ab morgen dank Ihres heißen Bemühens sogar wieder spiegelblank. Danach werden die Spinde eingeräumt und es ist Bettruhe. Und wenn ich sage Bett-Ruhe, dann meine ich auch Ruhe. Ich habe keine Lust, morgen früh Ihretwegen beim Alten anzutanzen! Ausführung!“
Donnerwetter, da vergeht sogar dem Förster das Furzen! Eine kernige Rede, denke ich so bei mir. Damals kann ich noch nicht ahnen, dass noch viel kernigere folgen werden. Maat Bertram lässt uns nochmals strammstehen: „Iiim Laufschriiitt – marsch!“ Unser Haufen trottet los. „Gommando zurügg! Träden se widder neu an! Also Gänossen so gäht das ni! Bei den Word’n „Im Laufschridd“ missen se de Orme anwingeln. Bei „Morsch!“ Fang’n se an zu laufn. Un zwor alle, de Hindorsten zunächst uff dor Schdelle, bis de Erschden soweit vor sind, dass och de Letzten losloofen gönnen!“
„Wat soll’n wa?“ fragt leise der dicke Schedler. „Uf de Stelle treten, bis de Platz hast zum Losloofen?“
Auch ich kann‘s nicht ganz glauben: Das gibt es also bei der Armee, dass man auf der Stelle tritt, nur um Bewegung vorzutäuschen!
Ist doch klar eigentlich: Der Befehl hieß eindeutig „Im Laufschritt – marsch!“ Da muss dann eben alles laufen, auch wenn sich die Schlange erst langsam weiter vorn in Bewegung setzt: Dem Befehl zum Laufen ist unverzüglich Folge zu leisten – auch wenn man zunächst einmal nur auf der Stelle läuft.
Es muss köstlich aussehen: Über dreißig Mann, die ersten langsam in Bewegung geratend, alle anderen laufen zwar ebenfalls, aber kommen wie von einem unsichtbaren Band gehalten, keinen Millimeter vorwärts. O Gott, ist das albern! „Is diese Pantomime nu jäden Tag tranne?“ Mario aus Halle verlangt Auskunft.
Inzwischen haben wir uns, nun tatsächlich laufender Weise, bis zur Tür vorgearbeitet und verlassen unseren Bau. Draußen fällt wieder der Wasserschleier über uns her. Seine feinen Tropfen fallen dicht an dicht schräg durch die Lichtkegel der Lampen, die die Kasernenstraße mäßig ausleuchten. Es geht um einige Ecken, zu einem anderen Block. Die Bauten sehen im Dunkeln alle gleich aus. Am Tage übrigens auch, wie wir dann noch sechs lange Wochen die Gelegenheit haben, zu erkennen. Andere Gruppen von Rekruten kommen uns entgegen. Wieder andere ziehen in die gleiche Richtung wie wir, biegen aber vorher oder auch später ab und verschwinden in den Eingängen der verschiedenen Gebäude. Befehle schallen über das Karree zwischen den Blocks. Eine rege Betriebsamkeit herrscht. Wir landen vor einer Eingangstür und Maat Bertram gibt das Kommando zum Halten. „So, Sie warten hier erschtmal un isch wer guggen, wo mer uns zuerschd melden missen! Es endfärnt sisch geener von der Trubbe! Un duun se mir e Gefall’n un gwatschen se hier ni so laud rum!“
Wir „gwatschen“ etwas leiser. Ein Trupp verläßt das Gebäude. Jeder Mann hat einen riesigen Seesack auf dem Rücken, dessen obere Bekrönung gewissermaßen der Stahlhelm bildet. „Ach du dicket Ei!“ kommentiert Förster, „Wat is dit denn für’n Unjetüm!“ Schedler grinst: „Biste neidisch uff den jroßen Sack? Wart ma, dia häng’n se och jleich son Ding um’n Hals und denn wirste zusammenfallen wie’n altet Scheißhaus, du nachjemachte Intellijenzbestie!“
Der Regen ist nun schon gänzlich durch die Jacke gesickert. Ich beginne langsam zu frieren. Wenn die wüssten, wie egal mir dieser ganze Zinnober hier ist! Die Berliner, die ich noch eben ganz originell gefunden habe, gehen mir nun doch langsam auf den Geist.
Ich sehe zur Uhr. Halb Neun. Was sie jetzt wohl zu Hause machen? Ach ja, zu Hause! Sicher sitzen sie zu dritt gemütlich in der warmen Stube und sehen fern. Und ich steh hier, wo ich nicht stehen will, muss mich mit Leuten anfreunden, die ich nicht kenne und eigentlich auch nie richtig kennen lernen werde, Sachen in Empfang nehmen, die ich eigentlich nicht tragen will und eine „Ausbildung“ absolvieren, die mir so absolut widerstrebt, dass ich befürchte dies nicht einmal verbergen zu können. „Hereinträden zum Ausrisdungsempfang!“ Der Maat mag ja vielleicht ein netter Kerl sein, aber er ist lästig. „Im Laufschridd – nee, nee, nee, so gäht das nisch Genossen! Isch hab' Ihne doch vorhin orklärt: Se missen de Orme anwingeln! Schon bei dän Gommando „Im Laufschridd!“ Un bei „Marsch“ missen se losloofen – de Letzten uf dor Schdelle! Also Gommando zurügge un nu nochemal: Im Laufschridd“ – Wir „wingelden“ die Arme. „Marsch!“ Wir laufen auf der Stelle und dann vorwärts in den Block. Ach du lieber Gott! In diesem Gewusel noch militärische Ordnung zu erkennen, fällt erstmal schwer: Der Gang steht voller Rekruten, in die meisten Türrahmen sind Querbretter eingeschraubt und überall gibt’s scheinbar irgendwas zu empfangen. An der zweiten Tür die Ausgangsuniform, nachdem wir an der ersten den besagten riesigen, aber noch leeren Seesack empfangen haben: „Konfektionsgröße?“ Ein kleiner vollgefressener Fähnrich wirft mir einen flüchtigen Blick zu, wartet nicht erst die Antwort ab, greift in den Stapel im Regal hinter sich, wirft mir zwei dunkelblaue Hosen, Blusen und ein schwarzes Koppel zu. „Passt! Der Nächste!“ Schon schiebt sich die Schlange weiter. Der kleine Schwarz stopft vor mir gerade seine zwei paar Stiefel – ein neues und ein bereits getragenes - in den Sack, da bin auch ich schon dran: Schuhgröße ansagen, Stiefel und Schuhe empfangen. Rein in den Sack. Klaus Bade kennt seine Konfektionsgröße nicht. „Hat Mama wohl immer für Sie erledigt was? Na, dann stell’n se sich mal ganz schnell um! Hier müssen sie schon selbst Bescheid wissen!“
Also doch selbst denken?
Danke für die Auskunft. Ein „Kulani“ – die halblange Überjacke der Marinesoldaten landet im Sack. Bord-Weiß und Bord-Blau, beides in zweifacher Ausführung kommt dazu, zwei dreistreifige Einsetzkragen und zwei schwarze Kunstseidentücher folgen, dann ein eigenartiger Mützenring mit umlaufendem schwarzen Band, das vorn in Fraktur die Aufschrift „Volksmarine“ trägt und hinten in den, bei Matrosenmützen bekannten, schwarzen „Zöpfen“ endet, erweitert die Sammlung. Desweiteren ein grünlicher Kampfanzug mit braunen Streifen in etwas mehr als Tannennadelgröße, der so genannte „Ein-Strich-Kein-Strich“- Anzug und der für die morgendliche Frühsportveranstaltung unentbehrliche braune Trainingsanzug mit den schwarz-rot-goldenen Streifen seitlich an Ärmeln und Hosenbeinen, sowie dem unvermeidlichen ASK-Emblem auf der Brust.
Der Seesack füllt sich und gewinnt an Gewicht. Klaus Bade kommentiert das mit dem Satz: „Der deutsche Soldat wird nich im Felde der Ehre aschossen, er schleppt sich dot, wa!“
Nachdem wir - beladen wie die Weihnachtsmänner - wieder in unsere Hütte eingerückt sind, beginnt Maat Bertram die angekündigte Schrankordnung zu „temonstrieren“ und wir basteln eifrig und so schnell es geht seiner „Temonstration“ hinterher, um endlich fertig zu werden. Die Hälfte der „Ausrisdung“ fehlt ohnehin noch aber auch das Fehlende scheint tatsächlich noch Platz zu finden. Später, nach meiner Versetzung in die endgültige Einheit , bewundere ich immer wieder im Nachhinein, wie wir zu zweit unseren Kram in einen so kleinen Spind haben quetschen können, kostet es mich dann doch stets große Mühe, darin allein einigermaßen Ordnung zu halten.
Alles ist verstaut, bis auf den Trainingsanzug. Der musste auf Bertrams Geheiß draußen bleiben.
„So Gänossen, nu gommt der Moment, wo se sich von ihren Zivilklamodden for de nächste Zeid drennen missen. Ziehn sich dän Träningsanzuch übor, backen se de andorn Sachen ind’n Spind un danne gähn mor tuschen! For Ihre Zivilsachen wer’n morchen Bostmietbehäldor organisiert, so dass ’se die dann heeme schiggen gönn‘! Wenn se sich umgezochen haben, nähm’ se sich ihr Waschzeuch un e Handuch odor zweeje zur Hand, daß mer tann losgähn gönn‘ in‘ Gellor, zum Tuschen!“ Wir entledigen uns unserer Sachen, schlüpfen in den Trainingsanzug und finden uns – die obligatorischen anderthalb Kacheln von der Wand weg – auf dem Flur zum Duschgang angetreten.
Den langen Flur entlang, über das Treppenhaus ins Kellergeschoß, geht der Weg in den Duschraum. Zwei Gruppen sind mit uns dran. Von drinnen hört man Stimmengewirr und Wasser rauschen. Wir betraten den Vorraum. Alles in grauer Ölfarbe gehalten, höchstens zwei Meter hoch, an den Wänden und in der Mitte des Raumes grau gestrichene Holzbänke, zum Ablegen der Sachen. Aus dem Raum nebenan dampft es durch den Türspalt. Die letzten der Gruppe, die vor uns dran waren, ziehen sich noch an, da werden wir von unserem Maat schon aufgefordert, uns einen „Blatz uff ner Bank“ zu suchen und uns auszuziehen, da „wie for alles, so och zum Tuschen nur begrenzt Zeit zur Verfüchung stäht“ und andere auch noch dran wären. Wir pellen uns aus. „Lassen se de Waschdaschen traußen un nähm se ploß de Seefe mit nei!“ lautet der gut gemeinte und wie sich herausstellt, auch notwendige Rat des Maates. Die Tür zum Duschraum wird geöffnet und dreißig nackte Jungmännerleiber marschieren mit einem Stück Seife und einem Plastikpack oder einer Flasche Shampoo hinein. An der Decke, im Abstand von siebzig bis achtzig Zentimetern, parallel zueinander verlaufende, graue Rohrleitungen. An ihnen sind im gleichen Abstand Duschköpfe angebracht.
Jeder von uns versucht einen solchen Brausekopf abzubekommen. Nahe aneinandergedrängt steh’n wir und Förster kann sich nicht verkneifen, den dicken Schedler mit erotischem Augenaufschlag tuntig anzulächeln und zu sagen: „Hach, du süßet Dickerchen du, wenn de deine Seefe runtaschmeißt, vapup ik dia eenen, det de jloobst, Weihnachten un Ostan fall’n uff’n Donnastach!“
„Det hab ik ma doch jleich jedacht! Och noch schwul die olle Sau!“
Maat Bertram steht an der Tür und ruft uns sein „Achtung, horchen se mal druff!“ zu. „Ich dräh jetzt das Wasser uff. Da mor nich de Erschden sind, isses villeischt nimmer ganz so heeße. Se gönn sich dann erschdmal nassmachen.“
„Ik mach ma jetze schon nass vor Lachen!“
„Anschließend dräh isch wiedor zu un se missen sisch eenseifen. Da danach lass isch noch emal Wasser loofen zum Abspülen! Sähn se zu daß se fertisch werd’n!“ Das Wasser schießt aus den altersschwachen Brauseköpfen, die wohl schon die Kriegsmarinesoldaten des dritten Reiches besprenkelt haben. Das heißt, das meiste quillt irgendwo an den Seiten heraus und spritzt nach sonstwo. Die Bohrungen sind wohl schon ziemlich durch Kalk und Rost verstopft. Weil alle Duschköpfe in genau diesem Zustand sind, spritzt es kreuz und quer durch den Raum und jeder bekommt etwas ab. Beim Vorduschen macht das nicht viel, mühseliger ist es, die Seife wieder vom Leib zu bekommen. Dabei entsteht denn nun doch ein „lüsternet Jedrängel unta de Dusche“ wie Förster es bezeichnet.
Wir sind abgefertigt, verlassen den dampfenden Raum, trocknen uns ab und ziehen uns an. Nebenan beginnen schon die nächsten drei Gruppen lautstark den Kampf um die Wassertropfen.
Zurück in der Bude - es ist mittlerweile dreiviertel Zehn - tritt endlich eine kleine Pause ein. Richtig still wird es plötzlich. Auch die Geräusche auf dem Flur sind fast verstummt. Nur der Trafo der Neonleuchte vor unserer Zimmertür brummt gleichmütig vor sich hin. Nach einer Weile gellt ein auf- und abschwellender Pfiff über den langen Flur: „Klarmachen zur Nachtruhe!“
„Wat denn, wat denn? Nu schon?“ Tabbert hat sich gerade ein Endchen Wurst in die Kiemen geschoben und starrt ungläubig in Richtung Tür. „Mampf aus un pack da hin!“ Unser frischgebackener Stubenältester waltet seines Amtes. Wir ziehen unsere Schlafanzüge, das einzige zivile Bekleidungsstück, das uns geblieben ist, an und steigen ins Bett.
„Die olle Furzmolle lässt och nich jrade heimatliche Jefühle uffkomm’n!“ meinte Förster. „Mario, puste ma det Licht aus!“
„Jefühle, Jefühle! Hier kommt übahaupt janischt uff, in diese Irrenanstalt!“ Schedler wirft sich hin und her. Wieder ein lang gezogener Pfiff auf dem Flur und dann das fast gesungene Kommando: „Nachtruhe! Licht aus! Ruhe im Schiff!“ Schedler lacht in sich hinein: „Die sind hier nu schon völlig vablödet: Nirjendwo ‘n Schiff zu sehn un der schreit Ruhe im Schiff! Dämlijet Schwein!“ Das ist sein Gute-Nacht-Gruß an den UvD.



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